Ganzheitsmedizin

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Druckversion vom 09.02.2009
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Ganzheitsmedizin in der Onkologie

Habichtswald-Klinik Kassel

 

Dr. med. Jutta Hübner, Chefärztin Onkologie

Ganzheitsmedizin oder ganzheitliche Therapie sind keine Begriffe, die eine einheitliche Definition haben. Jeder meint, wenn er einen dieser Begriffe hört, ihn zu verstehen. Ganzheitsmedizin ist mit positiven Assoziationen verbunden, Begriffe wie "sanfte Medizin", "menschenzugewandte Medizin", "natürliche Medizin" spielen eine Rolle.

Auf der anderen Seite stehen zumindest für Kritiker negative Verbindungen wie Esoterik, Unwissenschaftlichkeit bis hin zur "Verantwortungslosigkeit".

Eine Definition zum Thema Ganzheitsmedizin wird vermutlich auf weitgehende Zustimmung stoßen: "Ganzheitsmedizin ist der Versuch, den Menschen und Patienten als Einheit von Körper, Seele und Geist zu sehen und in diagnostischen wie therapeutischen Maßnahmen diese Einheit zu berücksichtigen."

Geht es jedoch darum, die Themen Diagnostik und Therapie detailliert zu beleuchten, so wird deutlich, dass Ganzheitsmedizin kein einheitlich verstandener Begriff ist.

Eng verwoben mit Ganzheitsmedizin sind auch Begriffe wie Erfahrungsheilkunde und Naturheilkunde. Ihnen gegenübergestellt wird oft die so genannte Schulmedizin, die als kalt, technisch und technokratisch bezeichnet wird, während Erfahrungsheilkunde und Naturheilkunde mit den Assoziationen "warm" und "menschlich" verbunden sind.

Ganzheitsmedizin beruht auf dem Zusammenwirken von Schulmedizin und Naturheilkunde sowie psychologischer Begleitung der Patienten. Es ist keine Ganzheitsmedizin, wenn Schulmedizin und Naturheilkunde unabhängig voneinander parallel eingesetzt werden und die Behandler beider Methoden davon ausgehen, dass Wechselwirkungen aufgrund der unterschiedlichen Konzepte nicht auftreten können.

Es ist selbstverständlich, dass Schulmedizin und Naturheilkunde spätestens in der Anwendung beim einzelnen Patienten, also im Körper, wechselwirken können. Dies kann positive wie negative Auswirkungen auf den Behandlungserfolg haben. Der dritte wesentliche Baustein einer ganzheitlichen Therapie ist die psychoonkologische Betreuung des patienten.

In der Onkologie ist die Anzahl der Patienten, die beide Therapiekonzepte einsetzen, besonders hoch, da auf der einen Seite die Bedrohung der Erkrankung als so intensiv erlebt wird, dass die meisten Patienten den von der Schulmedizin vorgeschlagenen Therapien zustimmen. Auf der anderen Seite löst jedoch gerade die Diagnose Krebs starke Ängste und Verunsicherungen aus, und der Wunsch, "noch etwas zu tun", ist besonders stark. Da diese Frage von der Schulmedizin oft für Patienten nicht befriedigend beantwortet wird, kommt vielfach gleichzeitig eine auf Erfahrungsheilkunde beruhende Naturheilkunde zum Einsatz.

Obwohl bereits aus Labor- und Tierexperimenten zahlreiche Hinweise auf die Wechselwirkungen von Schulmedizin und Erfahrungsheilkunde in der Onkologie vorliegen, ist das praktische Wissen aus Untersuchungen beim Menschen und Patienten noch sehr beschränkt.

Gerade in der Onkologie hat sich in den vergangenen Jahren, nachdem zunächst Naturheilkunde in den Bereich der Esoterik verwiesen wurde, eine gewisse gegenseitige Toleranz entwickelt, die dem Problem aber  nicht gerecht wird.

Es zeichnet sich jetzt eine neue Strömung bei onkologisch tätigen Ärzten ab, die sich klar zur Schulmedizin und der wissenschaftlichen Erforschung von Behandlungsmethoden bekennen und diese auch für die Naturheilkunde einfordern, da sie die Wirksamkeit und Bedeutung der Naturheilkunde für die Patienten anerkennen. Auch Naturheilkunde kann wissenschaftlich erforscht werden und damit die Grenzen der auf Erfahrung basierenden Heilkunde verlassen.

Diese Ärzte fordern auch, dass wir mehr über die Wechselwirkungen von Schulmedizin und Naturheilkunde in der Onkologie lernen müssen. Sie beraten Patienten positiv zum Einsatz von naturheilkundlichen Methoden, wählen sie jedoch in Abstimmung auf die erforderlichen schulmedizinischen Therapien aus.

Während früher die Schulmedizin in der Onkologie nur geringe Therapieerfolge aufweisen konnte, hat sich dies in den vergangenen Jahren gründlich geändert. Blieb früher dem Patienten in der Zweit- oder Drittlinientherapie eigentlich fast nur der Weg in die Naturheilkunde, so gibt es heute in diesen Situationen gute Therapieangebote der Schulmedizin. Somit findet sich die Naturheilkunde heute an einem Scheideweg. Bleibt sie in ihren Entwicklungen als Erfahrungsheilkunde stehen, wird sie weiterhin eine Nebenrolle spielen.

Viele Patienten entscheiden sich bewusst für die Schulmedizin, müssen aber in der heutigen medizinischen Gesellschaft leider oft auf die in der Naturheilkunde gefundene Menschlichkeit und Individualität der Therapie verzichten. Auch dies sollte Aufgabe der ganzheitlichen Medizin sein, dass sie bei aller Wissenschaftlichkeit neben der Statistik auch das Individuum, den einzelnen Patienten, der uns gegenüber sitzt, sieht.

Nicht der "Blinddarm auf Zimmer 391" hat Schmerzen, sondern der Mensch, der eine Blinddarmoperation hinter sich hat, der Mensch mit seinen Ängsten und Bedürfnissen, mit seiner Vorgeschichte, seinen Überzeugungen und seinem Glauben.

Ganzheitliche Medizin bedeutet aus unserer Überzeugung mehr als dass in einer Klinik Behandler für die körperliche und seelische Seite der Erkrankung da sind. Voraussetzung ist vielmehr, dass sie eng zusammen arbeiten, und bei uns besteht auch der Anspruch, dass jeder einzelne Behandler, ob Arzt, Krankenschwester, Krankengymnast oder Psychotherapeut den Patienten sowohl körperlich als auch psychisch begleitet.

 

Stand 26.08.08



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