Habichtswald-Klinik Kassel
Dr. med. Jutta Hübner, Chefärztin Onkologie
Psychoonkologie beschreibt ein Grenzgebiet zwischen der Onkologie,
also der medizinischen Versorgung von Patienten mit Krebserkrankungen, und der
Psychologie, der Wissenschaft, die sich mit den seelischen Vorgängen
befasst.
Psychoonkologie beschäftigt sich mit den seelischen Erscheinungen, die mit
der Diagnose Krebs zusammenhängen, durch sie beeinflusst und verändert werden,
umgekehrt aber auch mit der Frage, inwieweit seelische Vorgänge die Erkrankung
hervorrufen und ihren Verlauf beeinflussen können.
Nicht zuletzt versucht Psychoonkologie, Antworten zu finden, die bei der
Bewältigung der Diagnose und dem Leben mit der Diagnose helfen. An diesem Punkt
hat Psychoonkologie hervorragende Aufgaben bei der Verbesserung der
Lebensqualität unserer Patienten.
Warum ist Psychoonkologie wichtig?
Die Diagnose „Krebs“ hat für den einzelnen und in der Gesellschaft eine
besondere Bedeutung. Krebs ist trotz aller wissenschaftlichen Aufklärung ihrer
Zusammenhänge immer noch eine vom Patienten erlebt „unheimliche“
Erkrankung. Sie bedeutet den Verlust des Vertrauen in den eigenen Körpers, der
bisher so gut funktioniert hat. Krebs wird als eine schleichende Bedrohung
erlebt.
Normale Reaktionen auf die Diagnose sind Angst, Trauer und Wut. Viele
Patienten erleben die Erkrankung und die mit ihr verbundenen diagnostischen und
therapeutischen „Maßnahmen“ als Trauma, als Verletzung des Ichs, der eigenen
Persönlichkeit. Die Wissenschaft benutzt an dieser Stelle den Begriff
„posttraumatische Belastungsreaktion“, um die verschiedenen Reaktionen
insbesondere der Überforderung der Patienten zu charakterisieren.
Aufgaben der Psychoonkologie
Psychoonkologie ist ein Forschungsgebiet und widmet sich der Aufklärung von
Zusammenhängen zwischen seelischen Vorgängen und der Entwicklung und dem Verlauf
einer Krebserkrankung. Sie gibt dieses Wissen an Ärzte und Patienten und an die
in ihre Betreuung eingebundenen Personen weiter.
Psychoonkologie bietet dem Einzelnen Klärung von Fragen zu diesen
Zusammenhängen, Unterstützung in der Verarbeitung von Diagnose und Therapie und
damit verbundenen Gefühlen. Sie kann helfen, Verhaltensstrategien zu entwickeln,
Techniken vermitteln, die Entspannung ermöglichen, Schmerzen reduzieren, den
Umgang mit Schwäche und Angst erleichtern. Sie kann bei der Kommunikation mit
Angehörigen und Freunden helfen ebenso wie bei der Kommunikation mit Ärzten.
Ein hohes Ziel der Psychoonkologie ist die Stärkung der Autonomie des
Patienten, seines Selbstwertes und seiner Selbstwirksamkeit.
Alle diese Punkte zielen gemeinsam mit den medizinischen Maßnahmen auf eine
Verbesserung der Lebensqualität.
Psychoonkologie versucht Strategien der Bewältigung zu beobachten, zu
beschreiben und analysieren und die erfolgreichen („brauchbaren“) Strategien
weiterzuvermitteln.
Wie funktioniert Psychoonkologie ?
Psychoonkologie ist richtig verstanden nicht nur Aufgabe des
„Psychoonkologen“, also des vorwiegen psychologisch tätigen Therapeuten, sondern
sollte gemeinsame Aufgabe aller an der Behandlung von onkologischen Patienten
Beteiligten sein.
Wenn auch im Rahmen der immer weiter voranschreitenden Arbeitsteilung im
Gesundheitswesen gerne bei den ersten hartnäckigen Nachfragen der Patienten, bei
den ersten Tränen, den Zeichen von Emotionen, nach den Psychologen gerufen wird,
so ist dies ein Rückzug vor den Bedürfnissen der Patienten. Diagnostik,
Therapieentscheidung, ihre Vermittlung an den Patienten und ihre Durchführung
können nicht getrennt werden von dem durch sie ausgelösten seelischen
Reaktionen. Jeder onkologisch erfahrene und engagierte Arzt wird dies in seinen
Gesprächen mit den Patienten berücksichtigen. Auch erfahrene Krankenschwestern,
Arzthelferinnen, Krankengymnasten, Masseure und andere Therapeuten wissen um die
untrennbare Verwobenheit körperlicher und seelischer Vorgänge und bringen ihre
menschliche Kompetenz in die Patientenkontakte mit ein.
Der Psychoonkologie stehen heute eine ganze Reihe von Verfahren zur
Verfügung. In der Regel steht eine lösungsorientierte Gesprächstherapie im
Vordergrund, die sich auf die konkret durch die Erkrankung aufgeworfenen
Probleme und Fragen konzentriert. Ist ein weiterer Rahmen gegeben, so können die
Themen der Gesprächstherapie ausgedehnt werden, ggf. verhaltenstherapeutische
oder analytische Elemente einbezogen werden. Des weiteren kann sich
Psychoonkologie besonderer Verfahren wie der Körpertherapie, Kunsttherapie,
Musiktherapie und Tanztherapie bedienen.
Besondere Bedeutung bei der Suche nach Strategien hat der Begriff der
Ressourcen, der persönliche, dem Patienten eigene, aber auch in seinem
unmittelbaren Umfeld (Partnerschaft, Familie, Freundeskreis, Beruf) gelegene
umfasst.
Ressourcen stellen Chancen dar, besser mit der Erkrankung und der durch sie
aufgezwungenen Situation fertig zu werden. Hierbei gibt es keine allgemein
gültige Strategie, die „funktioniert“. Vielmehr gilt es für jeden einzelnen
Patienten, den individuellen Weg der Krankheitsbewältigung zu finden.
Alle Bemühungen, eine „optimale“, für alle gültige Bewältigungsstrategie zu
definieren sind gescheitert. Insbesondere die Aufrufe an den Patienten, sich mit
seiner Erkrankung und seinen Gefühlen zu konfrontieren, gegen die Erkrankung
anzukämpfen (fighting spirit), negative Gefühlen wie Trauer und Angst zu
verbannen und die grundsätzliche Ablehnung der Verdrängung haben sich als eher
kontraproduktiv erwiesen. Wenn es eine grundsätzliche Empfehlung für unsere
Patienten geben kann, sodann nur die der Authentizität, d. h. des wirklich
eigenen Weges, der mit dem eigenen Charakter, der bisherigen Lebensgeschichte
und den Lebenserfahrungen in Einklang steht.
In der psychoonkologischen Forschung wurde der Begriff der Copingstile
entwickelt, welches sich mit Bewältigungsmustern übersetzen lässt. Zu den
Copingstilen gehören ängstliche oder depressive Verarbeitung,
Hoffnungslosigkeit, Selbst- oder Fremdanschuldigung, Verleugnung, Verdrängung
und Ablenkung, Unterdrückung der eigenen Emotionen, Bagatellisieren oder
Wunschdenken, lösungsorientierter, aktiver Bewältigungsstil, Kampfgeist,
Akzeptanz, religiöse Einstellung.
Natürlich wünschen wir uns den aktiven, teilnehmenden, seine Gefühle
kontrollierenden Patienten mit Kampfgeist und einer hohen Akzeptanz der
„notwendigen Medizin“. Genauso müssen wir uns aber auch dem verleugnenden,
Termine und Therapien auch schon mal vergessenden Patienten stellen, ihn dabei
unterstützen, Therapien einzuhalten.
Gespräche in der Onkologie müssen sich auch dem trauernden oder wütenden
Patienten stellen, auch wenn uns als Therapeuten dies mit unseren eigenen
Ängsten konfrontiert.
Wie auch immer wir diese verschiedenen Copingstile persönlich bewerten,
Untersuchungen haben bisher gezeigt, dass die meisten weder negativ noch
positiv sind und sich in ihrem Einfluss auf den Verlauf der Erkrankung nicht
fundamental unterscheiden.
An diesem Punkt können wir unsere Patienten darin unterstützen, dass sie
ihren eigenen Stil entwickeln, diesen auch im Verlauf der Erkrankung und ihrer
persönlichen Entwicklung verändern können.
Einige Copingstile scheinen durch ihre Auswirkungen auf das Verhalten den
Krankheitsverlauf beeinflussen zu können. Hierzu gehören anhaltendes Verleugnen,
vermeiden von Therapien, unzureichende Therapietreue, Passivität, Resignation,
Depression und Selbstanschuldigung. Aus ihnen resultieren Hoffnungslosigkeit und
Selbstaufgabe und dadurch häufiger eine mangelnde und unzureichend durchgeführte
Therapie als bei eher aktiv teilnehmenden, das heißt aber auch schon einmal
traurigen und wütenden Patienten. Vermutlich ist es die unzureichende Diagnostik
und Therapie, die für diese Patienten ein schlechteres Ergebnis bedeutet.
Krebspersönlichkeit und Stress als Ursache einer Krebserkrankung
?
Viel wurde über das Thema Krebspersönlichkeit geschrieben. So wie es eine
Typ-A-Persönlichkeit, die mit einem erhöhten Risiko für Herzerkrankungen
verbunden ist, gibt, so sollte es angeblich eine Typ-C-Persönlichkeit geben, die
gehäuft zu Krebserkrankungen neigt.
Alle wissenschaftlichen Forschungen haben gezeigt, dass diese Theorie nicht
haltbar ist.
Es ist sehr wichtig, dies den Patienten zu vermitteln, um ihnen zu
ermöglichen, sich als Person weiter zu akzeptieren und positiv zu erleben.
Fragt man Patienten und auch Ärzte nach der Ursache einer Krebserkrankung, so
wird in einem hohen Prozentsatz psychische Belastungen oder Stress als
Verursacher angegeben. Auch an diesem Punkt kann die moderne wissenschaftliche
Psychoonkologie Hilfe geben. Sie zeigt, dass weder psychische Erkrankungen zu
einer Häufung von Krebs führen, noch besondere persönliche Belastungen oder
Stress im familiären oder beruflichen Umfeld das Risiko erhöhen. Auch wenn der
Hinweis, dass Stress das Immunsystem schwächt und dass bei geschwächtem
Immunsystem Krebs häufiger auftritt, auf eine ursächliche Kette hinweist, so
konnte trotz intensiver Forschungsbemühungen keine direkte Verursachung
nachgewiesen werden.
Auch diese Botschaft hat eine erhebliche Bedeutung für den Patienten. Sie
gibt ihm die Freiheit zurück, in seinen Lebensumständen zu bleiben ohne Zwang,
dem Stress und den ihn verursachenden Faktoren entkommen zu müssen. Er kann die
Rückkehr in eine Umgebung, die über Jahre oder Jahrzehnte sein Zuhause gewesen
ist, bejahen.
Dies bedeutet aber auch, dass wir ihn unterstützten, aktiv Veränderungen an
den Lebensumständen herbeizuführen, die ihm in seiner jetzigen Situation als
hinderlich und belastend erscheinen.
Der Umgang mit der Angst
Angst ist eines der typischen Gefühle, die mit der Erkrankung und Diagnose
Krebs verbunden sind. Angst hat vielfache Gründe. Fundamentale Angst vor dem
Tod, Angst vor dem Sterben, der Art des Sterbens, Angst vor Schmerzen, Siechtum,
vor der Unselbständigkeit, vor dem Alleingelassensein, vor der Vereinsamung.
Angst ist an dieser Stelle ein normales Gefühl, das auch immer wieder im
Verlaufe der Erkrankung und der Therapie, aber auch danach, wenn eigentlich
alles schon wieder normal sein sollte, auftritt. Angst tritt auch immer wieder
auf als Angst vor der Wiedererkrankung, z. B. im Rahmen der
Nachsorgeuntersuchungen. So wie jeder seine eigene Strategie in der Bewältigung
der Erkrankung entwickeln muss, so ist es sinnvoll, eine eigene Strategie im
Umgang mit der Angst zu entwickeln. Für den einen sind viele Informationen,
geordnete Gedanken, Gespräche und Auseinandersetzung mit dem, vor dem man Angst
hat, hilfreich, für den anderen eher Ablenkung und Verdrängung. Der eine sucht
professionelle Hilfe und Erklärung, der andere eher emotionale Unterstützung und
Fluchtpunkte.
Entspannungstraining
Diagnose und Therapie von Krebs ist mit Spannung, mit Anspannung verbunden.
Diese Spannung kann hilfreich sein, um gefährliche Situationen durchzustehen.
Eine andauernde Anspannung zehrt jedoch an den Kräften und lässt Ressourcen
schwinden.
Aus diesem Grund sind verschiedene Entspannungsverfahren, aber auch
Visualisierungen für viele Patienten hilfreich. Zu den Entspannungsverfahren
gehören das Autogene Training und die Progressive Muskelentspannung nach
Jacobson. Welches Verfahren für den einzelnen Patienten hilfreich ist, kann
nicht sicher vorausgesagt werden, sondern sollte im Einzelfall ausprobiert
werden. Während Autogenes Training und Progressive Muskelentspannung relativ
standardisierte, immer wieder gleich ablaufende Verfahren darstellen, kann
Visualisierung, zunächst als geleitete Visualisierung oder Traumreise, im
fortgeschrittenen Fall aber auch als selbst geführte Visualisierung, z. B. als
Reise zu Orten der Ruhe oder Kraft, größere Freiheiten und Variabilitäten
ermöglichen.
Für manche Patienten ist kein gezieltes Entspannungsverfahren, sondern die
Beschäftigung mit Musik, Kunst, ein Spaziergang, das Hobby oder auch ganz andere
Sachen Entspannung. Auch hier gilt wieder, dass jeder seinen eigenen Weg finden
muss. Bei der Suche kann Psychoonkologie ihn unterstützen.
Das psychoonkologische Angebot in der Habichtswaldklinik
Psychoonkologie in der Rehabilitation unterscheidet sich deutlich von der im
Rahmen der Akutmedizin notwendigen kurzfristig Beistand bietenden
psychologischen Betreuung. Gezielte psychoonkologische Unterstützung dient in
erster Linie der Förderung der Autonomie. Selbstbewusstsein, Selbstwertgefühl
und Selbstwirksamkeit, z. B. zur Angstregulation oder zur Wiedergewinnung eines
adäquaten Verhaltens im sozialen Umfeld sind eine entscheidende Grundlage zur
Wiedergewinnung von psychischer Stabilität, Zuversicht und Lebensfreude, somit
also von Lebensqualität.
Wahrnehmung und Wertschätzung der eigenen emotionalen Bedürfnisse sind
genauso wichtig wie der Einsatz bewusstseinsnaher kognitiver Strategien des
Selbstmanagement und Selbstregulation sowie der Wahrung persönlicher Würde im
Krankheitsprozess.
Es gilt, Krebspatienten deutlich zu machen, dass Angst und Depression, innere
Unruhe, aber auch scheinbares „Funktionieren“ eine normale menschliche Reaktion
auf die Sondersituation wie „Krebserkrankung“ sein können.
Neben der direkten Gesprächstherapie in Form von Einzelgesprächen, aber auch
in geeigneten Gruppen kommen Kunsttherapie, Ausdrucksmalen, Körpertherapie und
Simontontraining zum Einsatz. Wichtig sind auch unterschiedliche Methoden der
Entspannung wie Autogenes Training, Progressive Muskelentspannung und
Visualisierungen, bei denen es Ziel ist, dem Patienten Verfahren zu vermitteln,
die er später auch alleine in seinem persönlichen Umfeld erfolgreich anwenden
kann.
Literaturempfehlungen:
Es gibt zahlreiche Bücher über Psychoonkologie, Empfehlungen für Patienten,
Hinweise für Therapeuten, publizierte Forschungsarbeiten und Übersichten.
Aus diesem großen Angebot möchten wir 2 Bücher empfehlen, das eine für
Patienten, das andere für Fachleute.
Für Patienten:
Tanja Diamantidis „Den Krebs bewältigen und einfach wieder leben“, Trias
2004
Für Fachleute:
Volker Tschuschke „Psychoonkologie“, Schattauer, 2. Aufl. 2006
Text als
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Stand: 07.08.2006