Dr. med. Jutta Hübner, Chefärztin Onkologie
Das Prostatakarzinom ist primär ein hormonsensibler Tumor, d. h. die Zellen
werden durch Hormone in ihrem Wachstum gefördert. Umgekehrt bedeutet dies, dass
bei Erkrankung durch eine Hemmung der Hormonwirkung an den Tumorzellen ein
Wachstumsstillstand erreicht werden kann. Hierzu stehen derzeit verschiedene
Therapieoptionen zur Verfügung. Ziel ist es, entweder den Testosteronspiegel zu
senken oder die Wirkung des Testosterons an den Testosteronrezeptoren der
Karzinomzellen zu unterbinden.
Zur Senkung des Testosteronspiegels kommen eine Entfernung beider Hoden
(Orchiektomie) oder die Gabe sog. LHRH-Analoga, Goserelin und Leuprorelin (z. B.
Zoladex®) infrage. LHRH-Analoga unterbrechen den Regelkreis zwischen
Hirnanhangsdrüse und Hoden und senken damit die Testosteronproduktion um ca. 95
%. Da Testosteron jedoch auch außerhalb der Hoden in den Nebennieren gebildet
wird, bleibt bei diesen beiden Therapien immer ein gewisser Testosteronspiegel
erhalten, der auch auf die Rezeptoren wirken kann.
Dies ist der Grund für den Einsatz von sog. Antiandrogenen, die sich direkt
an den Androgenrezeptor auf Zellen und insbesondere Tumorzellen binden.
Eingesetzte Medikamente sind: das steroidale Antiandrogen Cyproteronacetat
(Androcur®) sowie die nicht steroidalen Antiandrogene Bicalutamid (Casodex®) und
Flutamid.
Als maximale Androgenblockade wird die Kombination von LHRH-Antagonist und
Antiandrogen bezeichnet. Da bei der ersten Spritze eines LHRH-Analogons zunächst
ein Anstieg des Testosterons vor der Hemmung erfolgt, wird zuerst mit einem
Antiandrogen eine Rezeptorblockade durchgeführt.
Wird eine antiandrogene Therapie durchgeführt, so entwickeln sich nach
unterschiedlich langer Zeit, meist nach einigen Monaten bis Jahren, Tumorzellen,
die trotzdem weiterwachsen können, sogar in der Lage sind, das Antiandrogen als
Wachstumsstimulus wahrzunehmen. In diesen Fällen kann durch Wechsel der
antiandrogenen Therapie ein erneutes Ansprechen erreicht werden. Ist dies nicht
erfolgreich, so müssen Strahlentherapie, der Einsatz einer Chemotherapie und ein
symptomatisches Vorgehen diskutiert werden. Bei einigen Patienten führt auch das
alleinige Weglassen des Medikaments zum (vorübergehenden) Ansprechen. Es gibt
einige Daten, die darauf hindeuten, dass Bicalutamid weniger häufig bzw. weniger
schnell zu einer Resistenz der Zellen führt als die anderen Antiandrogene.
Derzeit läuft eine Studie, an der auch wir teilnehmen, bei der Patienten nach
der antiandrogenen Therapie vor einer Chemotherapie eine Kombination aus
verschiedenen, den Stoffwechsel des Tumors hemmenden Substanzen erhalten. Diese
Therapie ist gut verträglich und zeigt bei einigen Patienten ein sehr gutes
Ansprechen.
Die antiandrogene Therapie wird z. B. bei der Erstdiagnose eines
Prostatakarzinoms durchgeführt, wenn keine Möglichkeit zur Operation oder
Strahlentherapie besteht, weil der Patient z. B. andere Erkrankungen hat, die
eine Operation als zu hohes Risiko erscheinen lassen. Eine andere Indikation ist
die Therapie bei einem Tumorrezidiv und von Metastasen, z. B. im Knochen.
Ergebnisse der EPC-Studie zeigen, dass auch nach kompletter Entfernung des
Tumors im Rahmen einer Operation die sog. adjuvante Therapie mit Bicalutamid bei
lokal fortgeschrittenen Prostatakarzinomen nach Operation oder Bestrahlung zu
einer Verminderung der Rezidivrate führt. Bei Patienten mit lokal begrenztem
Tumor, die entweder operiert oder bestrahlt werden oder aufgrund gemeinsamer
Therapieentscheidung nur beobachtet werden, führt die Gabe von Bicalutamid
dagegen zu einer Verschlechterung der Prognose.
Nebenwirkungen der antiandrogenen Therapie sind: ein Anschwellen der
Brustdrüse (Gynäkomastie), die auch schmerzhaft sein kann. Durch eine kurze,
relativ niedrig dosierte und deshalb praktisch nebenwirkungsfreie Bestrahlung
des Drüsengewebes kann dies verhindert werden. Durch die hormonelle Veränderung
werden auch die Libido und die Potenz beeinflusst. Bicalutamid scheint auch hier
gegenüber den anderen Medikamenten Vorteile zu haben.
Weitere Nebenwirkungen der antihormonellen Therapie sind, insbesondere bei
LHRH-Analoga, die Entwicklung einer Osteoporose und bei allen Medikamenten das
Auftreten von Hitzewallungen.
Stand 26.08.08