Habichtswald-Klinik Kassel
Dr. med. Jutta Hübner, Chefärztin OnkologieDas Immunsystem hat die wichtige
Aufgabe, den Körper vor fremden Einflüssen, insbesondere Krankheiten, zu
schützen. Dabei stellt es eine Art Polizei im Körper dar, die sowohl von außen
eindringende Krankheitserreger wie z. B. Viren und Bakterien angreift, als auch
im Körper selbst befindliche körperfremde Strukturen erkennen kann. Letztere
Funktion wird z. B. bei der Organtransplantation deutlich, bei der nur mittels
Unterdrückung des Immunsystems ein Überleben des fremden Organs in unserem
Körper möglich ist.
Das Immunsystem kann auch gegen Krebszellen aktiv werden. Es ist sogar so,
dass die meisten Krebszellen in einem sehr frühen Entstehungsstadium vom
Immunsystem so effektiv bekämpft werden, dass es nicht zu einer eigentlichen
Erkrankung kommt.
Krebszellen zeichnen sich unter anderem dadurch aus, dass sie zu schnellen
genetischen Veränderungen in der Lage sind. Aufgrund dieser Variabilität ist es
möglich, dass Krebszellen verschiedene Abwehrmechanismen gegen das Immunsystem
entwickeln.
Um dies zu verstehen, muss man die Funktion des Immunsystems
kennen:
Das Immunsystem besteht aus verschiedenen Zellen, die unterschiedliche
Aufgaben haben. Für die Abwehr von Tumorzellen sind insbesondere bestimmte
sogenannte T-Lymphozyten und Killerzellen erforderlich. Diese können den
„Gegner“ jedoch nur erkennen, wenn sie durch unterstützende Zellen darauf
aufmerksam gemacht werden. Grundsätzlich reagieren angreifende Immunzellen auf
bestimmte Zellstrukturen, die wir als Antigene bezeichnen. Diese Antigene müssen
den angreifenden Immunzellen zunächst von antigen- präsentierenden Zellen
gezeigt werden. Die so aktivierten Immunzellen sind dann in der Lage, das
Antigen auch auf der Oberfläche der Krebszelle zu erkennen und die Krebszelle
gezielt anzugreifen. Wichtige antigenpräsentierende Zellen sind die sog.
Dendritischen Zellen.
Für das Immunsystem ist von hoher Bedeutung, körpereigene gesunde von fremden
oder kranken Zellen zu unterscheiden. Hierzu dienen Oberflächenmarker auf der
Zelloberfläche, die bei jedem Individuum einzigartig sind, so dass „selbst“ von
„fremd“ über diese Marker unterschieden wird. Die Zellen des Immunsystems lernen
in ihrem Heranreifungsprozess diese Unterscheidung. Gelingt dies nicht
eindeutig, kann es z. B. zu Angriffen auf körpereigene gesunde Zellen kommen.
Hierdurch entstehen sog. Autoimmunerkrankungen wie z. B. Rheuma, Vaskulitis,
Colitis etc., die zum Teil lebensgefährlich sein können. Deshalb sind in der
Evolution des Menschen verschiedene Mechanismen entstanden, die diese
Entwicklung einer Autoimmunität verhindern helfen.
Bei der Entstehung einer Krebserkrankung im Körper besteht somit für das
Immunsystem das Problem, diese aus körpereigenen gesunden Zellen entstandenen
Krebszellen als fremd und gefährlich zu erkennen. Durch die Aktivität des
Immunsystems wird auf die Krebszellen ein Selektionsdruck ausgeübt, so dass nur
Krebszellen überleben können, die primär für das Immunsystem nicht zu erkennen
sind.
Je weiter sich die Krebszellen entwickeln, desto klarer unterscheiden sie
sich von gesunden Zellen, so dass es doch zu Angriffen des Immunsystems kommen
kann.
Nach der Antigenpräsentation binden sich die angreifenden Immunzellen an die
Krebszelle an der Stelle des Antigens. Hierzu benötigen sie jedoch eine zweite
Stelle als „Anker“, um aktiv werden zu können.
Da Krebszellen zu raschen genetischen Veränderungen in der Lage sind, kann es
unter dem Selektionsdruck der Angriffe des Immunsystems dazu kommen, dass
Abwehrmechanismen innerhalb der Krebsgeschwulst entstehen. Hierzu gehören
Botenstoffe, die innerhalb des Krebsknotens die Aktivität von Immunzellen
herabmindern. Außerdem verlieren Krebszellen auf ihrer Oberfläche die
Strukturen, die als Ankermoleküle die Anbindung der Immunzellen ermöglichen
würden, d. h. selbst wenn aktivierte angreifende Zellen das eigentliche Antigen
erkennen, kann keine Abtötung der Tumorzellen erfolgen.
Die Unterstützung des Immunsystems beim Angriff auf Tumorzellen ist
wesentliches Ziel der aktuellen wissenschaftlichen Forschung. Leider führen die
meisten der heute angewandten Tumortherapien eher zu einer Unterdrückung des
Immunsystems wie z. B. die Chemotherapie, aber auch die Strahlentherapie. Neue
Untersuchungen zeigen, dass sich in der Gruppe der die Tumorzellen angreifenden
T-Lymphozyten einzelne Lymphozyten befinden, die die Immunreaktion unterdrücken
(regulatorische T-Lymphozyten). Mit aufwändigen Untersuchungen sind sie von den
übrigen Abwehrzellen zu unterscheiden. Chemotherapiemittel führen zu einem
Rückgang der regulatorischen Lymphozyten, sodass möglicherweise sogar durch eine
Chemotherapie (wenn es keine Hochdosistherapie ist) positive Wirkungen auf das
Immunsystem ausgelöst werden können.
Außerdem schädigen Chemo- und Strahlentherapie die Abwehrmechanismen der
Tumorzellen gegen das Immunsystem und können damit auch einen positiven Beitrag
leisten.
Patienten haben deshalb den Wunsch, aktiv etwas für das Immunsystem zu tun.
Hierzu sind allgemeine Maßnahmen wie gesunde Ernährung und körperliche
Aktivität, eine gute psychoonkologische Begleitung und Unterstützung durch die
Familie und den Freundeskreis von sehr hohem, leider oft unterschätztem Wert.
Auch Entspannung und die Möglichkeit, Momente der Freude zu genießen tragen zur
Stabilisierung des Immunsystems bei.
Die Immunzellen benötigen für ihre Arbeit wichtige Inhaltstoffe der gesunden
Ernährung wie Vitamine und Spurenelemente. Aus diesem Grund werden diese
Substanzen oft für Patienten in Medikamentenform empfohlen. Es muss jedoch eine
sorgfältige Abstimmung mit der Chemotherapie oder Bestrahlung erfolgen, da
Vitamine und Spurenelemente zum Teil auch in der Lage sind, die Wirksamkeit von
Chemotherapiemitteln oder einer Bestrahlung negativ zu beeinflussen. Wenn Sie
kein Arzt berät, der sich mit diesen Themen sehr gut auskennt, so empfehlen wir
eine höher dosierte Einnahme erst nach Abschluss der Therapie oder in längeren
Therapiepausen.
Naturheilkundlich kann das Immunsystem durch eine Misteltherapie, eine
Thymustherapie oder auch die Hyperthermie unterstützt werden. Diese Methoden
sind jedoch relativ unspezifisch. Sie führen zu einer Aktivierung des
Immunsystems, ohne dass bisher nachgewiesen werden konnte, dass diese
aktivierten Zellen gezielt gegen den Tumor vorgehen. In jetzt laufenden und
weiteren wissenschaftlichen Studien muss gezeigt werden, wie diese Therapien in
Verbindung mit den weiteren Therapien optimal eingesetzt werden können. (Siehe
auch unseren Artikel Misteltherapie.)
Das Immunsystem kann beim Angriff gegen eine Tumorerkrankung auch durch die
Gabe von im Labor erzeugten Antikörpern (siehe Artikel Antikörper in der
Onkologie) unterstützt werden. Außerdem setzten Forscher Hoffnung in die
Entwicklung von Impfstoffen aus dem Tumorgewebe (siehe Artikel
Tumorimpfung).
Stand 26.08.08