Habichtswald-Klinik Kassel
Dr. med. Jutta Hübner, Chefärztin Onkologie
Metastasen sind Absiedlungen oder sog. Streuherde von Tumoren in andere
Organe bzw. Gewebe. Sie können an ganz verschiedenen Stellen des Körpers
auftreten. Für bestimmte Tumorarten gibt es teilweise charakteristische
Metastasierungsorte. Einer der häufigsten Orte sind die Knochen. Tumoren der
Brust (Mammakarzinome), der Prostata (Prostata-karzinome), aber auch andere
Tumoren bilden Tochtergeschwülste in den Knochen, wobei erfahrungsgemäß
insbesondere die Knochen des sog. Achsenskelettes, also Wirbelsäule, Becken,
Oberschenkel, Oberarm, aber auch Rippen und Schädel betroffen sind. Sehr selten
sind Metastasen in den kleinen Knochen, z. B. der Hände oder Füße.
Wenn sich Tumorzellen im Knochen absiedeln, so führen sie zu einer
Veränderung des Gleichgewichtes zwischen Osteoklasten, den knochenauflösenden
Zellen, und Osteoblasten, den knochenbildenden Zellen. Im normalen Knochen
besteht zwischen beiden Zellarten ein Gleichgewicht, so dass sich Knochen durch
Aufbau- und Abbauvorgänge immer wieder an die verschiedenen Belastungen anpassen
können. Durch Botenstoffe, die von den Tumorzellen freigesetzt werden, werden
Osteoklasten und Osteoblasten beeinflusst.
Es gibt zwei Arten von Knochenmetastasen, die osteolytischen und die
osteoplastischen. Das Wort „Lyse“ steht für Auflösung und bedeutet, dass durch
den Einfluss der Tumorzellen am Knochen auflösende Prozesse stattfinden. Es
kommt zu Defekten und dadurch zu Instabilitäten des Knochens.
Bei osteoplastischen Metastasen kommt es dagegen zu einer Verdichtung des
Knochens. Auch osteoplastische Metastasen sind charakterisiert durch eine
Veränderung des Knochengewebes und somit eine verminderte Beanspruchbarkeit.
Metastasen im Knochen finden sich meist in der harten Substanz des Knochens
und nicht in dem zentral gelegenen Knochenmark. Wenn Metastasen (auch) das
Knochenmark befallen, so kann neben der Stabilität des Knochens auch die im
Knochenmark stattfindende Blutbildung beeinträchtigt sein.
Metastasen im Knochen können sich unbemerkt entwickeln, manchmal werden sie
erst bei auftretender Instabilität durch Schmerzen bemerkt. Gefährlich sind in
dieser Situation leichte Beanspruchungen des Knochens wie z. B. Stöße oder
Hinfallen, wobei es leicht zu Knochenbrüchen kommen kann. Bei fortgeschrittenen
Knochenmetastasen können auch spontan Brüche auftreten. Je nach Lage des Bruches
können neben Schmerzen auch andere Folgeerscheinungen, wie z. B. Nervenschäden
und Lähmungen auftreten.
Entwickeln sich größere oder zahlreiche Knochenmetastasen, so kann es durch
eine Auflösung des Knochens und daraus folgende Freisetzung von Kalzium auch zu
einem Anstieg des Kalziums im Blut kommen. Diese sog. Hyperkalzämie kann für den
Patienten gefährlich werden, wenn es zur Beeinträchtigung der Nierenfunktion,
Muskelschwäche oder im ausgeprägten Fall zur Entwicklung eines Komas kommt.
Knochenmetastasen können vor allen Dingen durch Röntgenuntersuchungen
dargestellt werden. Hierbei ist die einzelne normale Röntgenaufnahme des
Knochens sinnvoll, wenn eine genaue Darstellung einer einzelnen Metastase
gewünscht ist. Im sog. Knochenszintigramm, bei dem eine radioaktive Substanz
eingesetzt wird, die sich an den Stellen im Knochen anreichert, wo gerade
Stoffwechselprozesse stattfinden, werden alle Abschnitte des Skelettsystems
markiert, die stoffwechselaktiv sind. So finden sich Anreicherungen z. B. auch
im Bereich von aktivierten Arthrosen oder im Bereich einer Arthritis.
Auch mittels Computertomographie oder Kernspintomographie (MRT) lassen sich
Knochenmetastasen darstellen.
Bei den Laborwerten kann es zu einem Anstieg des Kalziumwertes (siehe oben)
bzw. der sog. alkalischen Phosphatase, einem Enzym des Knochenstoffwechsels,
kommen.
Zur Behandlung von Knochenmetastasen stehen verschiedene Methoden zur
Verfügung. Zunächst kann durch Gabe sog. Bisphosphonate eine medikamentöse
Stabilisierung des Knochens eingeleitet werden. Bisphosphonate binden sich an
den Knochen, werden von Osteoklasten aufgenommen und behindern diese in ihrer
Tätigkeit. Darüber hinaus fördern Bisphosphonate den Aufbau neuer
Knochensubstanz. Bisphosphonate können auch bei hohem Kalziumspiegel eingesetzt
werden, um das Kalzium wieder an den Knochen zu binden. Darüber hinaus bremsen
sie das Fortschreiten einer Knochenmetastasierung.
Bisphosphonate werden in der Regel gut vertragen, sie sollten mit einigem
Abstand von den Mahlzeiten eingenommen werden, falls sie oral verabreicht
werden. Bisphosphonate werden häufig als Infusionen verabreicht, die alle 3-4
Wochen erfolgen. Auch die Infusionen sind in der Regel gut verträglich,
gelegentlich kann es jedoch vor allen Dingen bei der ersten Gabe zu Schmerzen im
Skelettsystem, aber auch zu Übelkeit und Kreislauferscheinungen kommen. Bei
einigen Bisphosphonaten wurde (bei zu schneller Infsusion) eine Schädigung der
Niere ausgelöst.
Eine erst seit relativ kurzer Zeit bekannte Nebenwirkung von Bisphosphonaten
ist eine Nekrose (Gewebsuntergang) von Knochen, insbesondere im Bereich des
Unterkiefers. Diese Nebenwirkung ist selten. Das Risiko wird erhöht, wenn
während der Therapie kieferchirurgische Eingriffe erforderlich sind. Deshalb
sollten Patienten, die geplant mit einer Bisphosphonattherapie anfangen können,
zunächst ihren Zahnarzt aufsuchen und mögliche Herde vorab behandeln lassen.
Bei einzelnen Knochenmetastasen oder bei besonderer Frakturgefährdung werden
lokale Maßnahmen wie eine Operation und/oder eine Bestrahlung erforderlich. Eine
Bestrahlung führt nach einiger Zeit zu einer Abnahme der Schmerzen, die
Stabilisierung des Knochens setzt erst mit mehreren Wochen Verzögerung ein.
Bestrahlung und Bisphosphonattherapie sind gut zu kombinieren. Bei der Operation
kommen verschieden Verfahren zur Anwendung. Meist wird der Defekt im Knochen
durch künstliches Material überbrückt und stabilisiert.
Bei Patienten mit einer ausgedehnten Knochenmetastasierung kann auch eine
Therapie mit einer radioaktiven Substanz, die sich im Knochen anreichert,
helfen. Ein häufig eingesetztes Mittel ist das Radionuklid Samarium. Mit dieser
Therapie gelingt eine Behandlung im gesamten Knochensystem an Stelle von
abschnittsweisen Bestrahlungen.
Nebenwirkungen der Bestrahlung und Radionuklidtherapie ist eine Unterdrückung
der blutbildenden Funktion des Knochenmarks, die, wenn große Abschnitt bestrahlt
werden, zu auch anhaltenden Einschränkungen der Blutbildung führen können. Dies
kann besonders dann problematisch werden, wenn später eine Chemotherapie folgen
soll. Strahlentherapeut, Nuklearmediziner und Onkologe sollten sich deshalb vor
jedem Therapieabschnitt abstimmen.
Auch die zielgerichtete Therapie gegen den Tumor, z. B. durch eine
Chemotherapie, muss bei Knochenmetastasen erwogen werden. Speziell beim
Brustkrebs oder Prostatakrebs ist außerdem zu überlegen, ob Möglichkeiten einer
antihormonellen Therapie gegeben sind.
Bei Schmerzen aufgrund von Knochenmetastasen sind darüber hinaus alle
Schritte einer modernen Schmerztherapie einzuleiten (siehe Kapitel
Schmerztherapie).
Stand 26.08.08