Habichtswald-Klinik Kassel
Dr. med. Jutta Hübner, Chefärztin Onkologie
Die Diagnose Krebs führt bei fast allen Betroffenen zu zwei Fragen:
1. Was ist die Ursache?
2. Warum ausgerechnet ich?
Mit diesem Skript wollen wir versuchen, Ihnen einige Grundlagen über die
Entstehung von Krebs verständlich zu machen, damit Sie mögliche Antworten auf
diese Fragen besser beurteilen können.
Krebszellen entstehen aus normalen Organzellen, deshalb sprechen wir z. B.
von Brust-drüsenkrebs, Dickdarmkrebs etc. Um die Entwicklung zu verstehen,
müssen wir zunächst einige Grundlagen der Biologie klären. Die normale Zelle
besteht aus dem Zellkern und dem darum herum befindlichen Zytoplasma sowie einer
Zellmembran. Im Zellkern findet sich die Erbsubstanz, die sog. DNA, die auf
mehrere Chromosomen verteilt ist. Die Erbsubstanz enthält sämtliche
Informationen, die eine Zelle für ihre Funktionen, ihr Wachstum und ihre
Zellteilung braucht. Alle Zellen eines Menschen haben die gleiche genetische
Ausstattung, jede Zelle benutzt aus diesen ganzen Informationen jedoch nur
gezielt die, die sie für ihre Aufgaben benötigt. Die Zellteilung ist ein ganz
natürlicher Prozess, der ständig tausendfach in unserem Körper abläuft. Dabei
muss zunächst die Erbsubstanz verdoppelt und auf zwei Zellkerne aufgeteilt
werden.
Stellt man sich die Erbsubstanz wie ein Buch vor, das aus einzelnen Wörtern
und diese wiederum aus Buchstaben besteht, so muss zur Zellteilung das gesamte
Buch einmal abgeschrieben werden. So wie beim Abschreiben Fehler passieren
können, kann dies auch bei der Verdoppelung der Erbsubstanz passieren. Zur
Vermeidung von fehlerhaften oder auch nicht lesbaren Informationen, hat jede
Zelle ein Reparatursystem, das normalerweise Fehler erkennt und ausmerzt. In
Einzelfällen kann es jedoch passieren, dass diese Fehlererkennung unzureichend
arbeitet, so dass ein genetischer Fehler entsteht, der an beide Tochterzellen
weitergegeben wird. Nun gibt es im großen Buch der DNA mehrere Kapitel, die
Informationen darüber enthalten, wie Zellwachstum und Zellteilung in einem wohl
abgestimmten Zusammenhang mit den anderen Zellen der Umgebung, des gesamten
Organs und des ganzen Körpers stattfinden. Kommt es zu einer genetischen
Veränderung in entscheidenden Bereichen dieser Information, so kann eine Zelle
entstehen, die nicht mehr kontrolliert wächst und sich teilt. Damit ist der
erste Schritt in Richtung einer Krebszelle getan. Normalerweise sterben Zellen
mit einer fehlerhaften genetischen Information ab, sie töten sich selbst (sog.
Apoptose). Auch dieser Weg ist genetisch festgelegt und kann durch eine Änderung
der Erbsubstanz fehlerhaft werden. Dann kommt es nicht mehr dazu, dass die sich
nun unkontrolliert teilende Zelle abstirbt, sondern sie kann weiterwachsen und
auch diese Information an ihre Tochterzellen weitergeben. Somit ist der
Grundstein für eine weitere Vermehrung von krankhaften Zellen gelegt.
Hiermit haben wir vereinfacht beschrieben, wie erste Krebszellen entstehen.
Durch weitere Verdoppelungen entstehen aus zwei vier Zellen, daraus acht usw. Es
dauert viele Zellteilungszyklen, bis das erste wahrnehmbare, tastbare,
sichtbare, im Ultraschall oder Röntgen darstellbare Knötchen entstanden ist.
Grundlage sind wie aufgezeigt einzelne Erbgutveränderungen (sogenannte
Mutationen), die zur sogenannten Entartung führen. In der weiteren Entwicklung
einer Krebserkrankung kommt es oft zu weiteren Veränderungen der Zelle, die sich
immer weiter vom ursprünglichen Zellbild einer gesunden normalen Zelle
entfernt.
Entwicklung von der Krebszelle zum Tumor
Wir haben oben beschrieben, wie eine einzelne Krebszelle entsteht, wie sie
ihre erhöhte Teilungsfähigkeit und ihr uneingeschränktes Wachstum an
Tochterzellen weitergibt. Dies führt durch immer weitere Verdoppelung zum
langsam nachweisbaren Knoten. Wird auf dieser Stufe nicht eingeschritten, so
kommt es zur zunehmenden Tumorbildung. Um immer weiter wachsen zu können, müssen
Tumorzellen eine weitere Eigenschaft erringen, sie „verleiten“ gesunde
Gefäßzellen dazu, neue Gefäße zu bilden, die den Tumor mit Blut und damit mit
Nährstoffen versorgen. Es ist ein Ziel der modernen Forschung, diesen Prozess zu
unterdrücken, ohne die gesunde Gefäßbildung im Körper negativ zu beeinflussen.
Dies ist mittlerweile in ersten Ansätzen gelungen.
Es gibt Beobachtungen, dass Tumoren von bestimmten Zellen des Immunsystems
angegriffen werden können. Das Immunsystem dient als Wächter im Körper dazu,
fremde Zellen (in der Regel Viren und Bakterien, aber auch andere fremde
Substanzen) zu eliminieren. Eigentlich stellt auch die Tumorzelle eine solche
fremde Zelle dar. Da die Tumorzelle sich jedoch aus ganz normalen Zellen
entwickelt hat, befinden sich auf ihrer Oberfläche in der Regel die gleichen
Marker, die auch die gesunde Organzelle aufweist. Dies ist eine Erklärung dafür,
dass in vielen Fällen das Immunsystem die Krebserkrankung nicht ausreichend
bekämpfen kann. Dies ist vermutlich auch die Erklärung dafür, warum bisherige
Versuche über eine alleinige Stimulation des Immunsystems eine Tumorbe-kämpfung
zu erreichen, ob naturheilkundlich oder schulmedizinisch, wenig erfolgreich
sind. Eine alleinige Aktivierung des Immunsystems zeigt dem Immunsystem noch
nicht, wie es die Tumorzellen erkennen und angreifen kann.
Der nächste Schritt in der Entwicklung einer Krebserkrankung ist, dass
Tumorzellen im Gegensatz zu gesunden Organzellen das eigentliche Organ verlassen
und sich mit den Lymphbahnen oder dem Blutstrom über den Körper verteilen
können. Im Prinzip können sich einzelne Tumorzellen an fast jeder Stelle des
Körpers ansiedeln und dort durch erneute Teilungsvorgänge zu einer weiteren
Knotenbildung führen, dies nennen wir Metastasierung. Dabei gibt es bestimmte
Bereiche, in denen Metastasen besonders häufig anzutreffen sind, dies differiert
zum Teil von Tumorart zu Tumorart, generell kann man jedoch sagen, dass
besonders häufige Metastasierungsorte Lunge, Knochen und Leber sind.
Der Einfluss von Wachstumsfaktoren
Wachstumsfaktoren dienen im Körper dazu, den Zellen einen Anreiz zum Wachstum
zu geben. Dies gilt genauso für die Tumorzellen. In den letzten Jahren wurden in
der Forschung Substanzen entwickelt, die Wachstumsfaktoren antagonisieren
können, hierbei handelt es sich um kleine Moleküle oder Antikörper.
Einige Tumoren sind hormonabhängig. Hierzu zählen viele Formen von
Brustdrüsen- und Prostatakrebs. Die Hormone binden auf der gesunden wie auf der
bösartigen Zelle an sogenannte Rezeptoren, dadurch wird in das Innere der Zelle
ein Wachstumsreiz vermittelt. Diese Erkenntnisse bilden die Grundlage einer
antihormonellen Therapie.
Was führt zur Krebsentstehung (Cancerogenese)?
Die Mechanismen auf zellulärer Ebene haben wir oben beschrieben. Was führt
jedoch zu diesen Mutationen, zu den Veränderungen der Erbsubstanz? Einmal können
es rein zufällig stattfindende Fehler bei der Verdoppelung der Erbsubstanz sein,
zum anderen wissen wir auch, dass bestimmte Substanzen durch Anbindung an die
Erbsubstanz zu einer fehlerhaften Verdoppelung führen. Zu diesen Substanzen
gehören sogenannte Radikale, besonders aktive Moleküle, die im körpereigenen
Stoffwechsel aus natürlichen Substanzen oder künstlichen Stoffen unserer
modernen Umwelt entstehen.
Da diese Mechanismen ständig ablaufen, hat die Evolution den Körper mit
zahlreichen Mechanismen zur Entgiftung von Radikalen ausgestattet. Hierzu
gehören Enzymsysteme, die unterstützt werden durch bestimmte Vitamine,
Spurenelemente und andere kleine Moleküle (Vitamin A und seine Vorstufen,
Vitamin E, Vitamin C, Selen, Glutathion etc.). Wenn dieses Schutzsystem nicht
ausreichend arbeitet, so können Radikale die DNA schädigen.
In einigen Familien kommen Krebserkrankungen gehäuft vor. Mittlerweile
konnten bestimmte vererbliche Veränderungen identifiziert werden, die eine
bösartige Entartung von Zellen prädestinieren. Hierzu gehören die beiden Gene
BRCA 1 und 2 bei Brustkrebs, bestimmte genetische Veränderungen bei
Dickdarmkrebs und weitere Mutationen. Patienten, die diese Gene von ihren Eltern
erben, haben ein sehr hohes Risiko, im Laufe ihres Lebens an Krebs zu erkranken.
Gelingt es, Genträger vorher zu identifizieren, können wir ihnen eine besonders
intensive Früherkennung oder auch vorsorgende Maßnahmen empfehlen.
Risikofaktoren für die Krebsentstehung
Für viele Substanzen wurde und wird postuliert, dass sie zu einem erhöhten
Krebsrisiko führen. Es ist jedoch ausgesprochen schwierig, dies einwandfrei
nachzuweisen. Die ersten Schritte sind in der Regel Versuche im Reagenzglas, bei
denen normale Zellen hohen Konzentrationen der vermutlich „cancerogenen“
Substanz ausgesetzt werden. Im nächsten Schritt wird dies auf das Tierexperiment
übertragen. Auch hierbei werden Tiere in der Regel sehr hohen Konzentrationen
der Substanz ausgesetzt, die im normalen Leben nicht erreicht werden. Der
Transfer dieser Erkenntnisse auf den menschlichen Bereich ist schwierig, da aus
ethischen Gründen an dieser Stelle Experimente verboten sind. So gelingt es
meist nur durch Beobachtung der Bevölkerung (sogenannte epidemiologische
Studien) Daten zu gewinnen. Diese reinen Beobachtungen sind jedoch
fehleranfällig, da man fast nie eine einzelne Substanz als Ursache isolieren
kann. So wurden in den vergangenen Jahrzehnten mehrfach Zusammenhänge vermutet,
die sich hinterher nicht bestätigen ließen.
Auf wesentliche cancerogene Faktoren haben wir durch unsere Lebensführung
Einfluss. Hierzu gehören Rauchen, Alkohol, aber auch Überernährung mit
Übergewicht.
Auf der anderen Seite stellen regelmäßiger Sport und eine gesunde ausgewogene
Ernährung und das Einhalten eines normalen Gewichtes Schutzfaktoren dar. (Zum
Thema Ernährung siehe das Skript „Krebs und Ernährung“)
Es ist jedoch menschlich verständlich, dass ein Patient, der die Diagnose
erhält, auf der Suche nach einer Ursache Zusammenhänge innerhalb der letzten 1-2
Jahre sucht. Vergegenwärtigt man sich die lange Zeit, die es braucht, bis nach
erster Mutation aus einer einzelnen Krebszelle ein wahrnehmbarer Knoten
entstanden ist, so wird deutlich, dass dies in der Regel ein Prozess von vielen
Jahren ist.
Viele Patienten vermuten, dass Stress, besondere Belastungen in der Familie
oder am Arbeitsplatz die unmittelbare Ursache ihrer Krebserkrankung ist. Dieser
Zusammenhang ist wissenschaftlich umstritten. Eine einfache direkte Verursachung
liegt nicht vor.
Andererseits gibt es Hinweise darauf, dass durch den Zusammenhang von lang
einwir-kendem Stress und der daraus resultierenden Schwächung des Immunsystems
möglicher Weise ein Wachstum eines schon in Entstehung begriffenen Krebses
beschleunigt werden kann. An diesem Punkt bedarf es noch weiterer Forschung.
Ganz wichtig ist die Frage von Erkrankten, ob sie durch ihre Lebensführung
zur Vermeidung eines Rückfalles beitragen können. Hierzu sind die
wissenschaftlichen Aussagen derzeit noch schwieriger zu bewerten. Unter dem
Aspekt der Lebensqualität sind jedoch die auch für die Prävention wichtigen
Punkte von gesunder Lebensführung, gesunder Ernährung, vernünftiger körperlicher
Betätigung (Sport) und der Vermeidung von Überlastungen sinnvoll.
Ob nach einer Erkrankung die Strategie des
sich-aktiv-mit-der-Krankheit-Auseinander-setzens oder einer Vermeidung der
Auseinandersetzung mit dem Thema sinnvoller ist, wurde lange Zeit zu Gunsten der
ersteren Version beantwortet. Auch dies muss jedoch individuell betrachtet
werden. Verdrängung ist sicherlich kein günstiger Mechanismus, sie erhöht auch
nicht die Lebensqualität. Es gibt jedoch Patienten, die nach abgeschlossener
Therapie ganz bewusst sagen, dass dies eine Episode ihres Lebens sei, die hinter
ihnen liegt und die nun aktiv in die Zukunft schauen wollen. Diese Haltung ist
nicht negativ zu bewerten. Genauso ist aber auch der sich aktiv mit der
Erkrankung auseinandersetzende Patient, wenn ihm dies gelingt, erfolgreich.
Untersuchungen zeigen, dass sich diese aktive Teilnahme des Patienten auch
positiv auf den Verlauf einer Tumorer-krankung auswirken kann.
Neben den allgemeinen Schutzfaktoren wurde immer wieder bestimmten einzelnen
Nahrungsbestandteilen eine günstige Wirkung zugeschrieben. Hierzu gehören
einzelne Vitamine, aber auch sogenannte sekundäre Pflanzenstoffe und
Spurenelemente. Diese sind alle in ausgewogener Zusammensetzung in einer
gesunden Ernährung enthalten, einzige Ausnahme in Mitteleuropa ist das Selen,
was in der Regel etwas unter den Ernährungsempfehlungen liegt. Aktuelle Studien
haben gezeigt, dass in der Prävention die regelmäßige Einnahme von
Vitamintabletten in Bezug auf Krebserkrankungen keine Vorteile bringt, erste
Daten zeigen sogar, dass daraus zum Teil negative Effekte resultieren.
In der Arbeitswelt müssen wir mit vielen Substanzen umgehen, die potentiell
krebsauslösend sind. Die Gesetzgebung in Deutschland ist deshalb bemüht,
besonders strenge Vorschriften zu erlassen. Jede Substanz, die neu zugelassen
wird, muss umfangreiche Tests durchlaufen und es erfolgt eine Überwachung am
Arbeitsplatz, dass bestimmte Grenzwerte nicht über-schritten werden. Diese
Grenzwerte liegen um mehrere Größenordnungen unter der anzunehmenden
gefährlichen Dosis. Trotzdem kann es zu unerwünschten Belastungen kommen, wenn
die potentielle Gefahr einer Substanz nicht erkannt wird (z. B. Asbest in den
ersten Jahren nach dem 2. Weltkrieg) oder es zu plötzlichen Freisetzungen
gefährlicher Substanzen durch Unfälle kommt.
Umgekehrt hat es in den vergangenen Jahren wiederholt Warnungen gegeben, die
auch in der Öffentlichkeit sehr intensiv diskutiert wurden, von denen wir heute
wissen, dass die Übertragung aus dem Tierexperiment auf Dosierungen am Menschen
zu übertriebenen Sorgen geführt haben.
Stand 22.06.07