Habichtswald-Klinik Kassel
Dr. med. Jutta Hübner, Chefärztin Onkologie
Lymphsystem
Neben dem Blutkreislauf trägt das Lymphsystem zum gezielten Transport von
Körperflüssigkeiten bei. Das Blut fließt von den Schlagadern (Arterien) über die
feinen Blutgefäße (Kapillaren) zu den Venen, die es zum Herzen zurück
transportieren. Beim Blutfluss durch die Kapillaren wird Flüssigkeit aus dem
Blut in das Gewebe abgegeben.
Diese Flüssigkeit wird über feinste Lymphgefäße wieder gesammelt, über
größere Lymphgefäße an Lymphknoten vorbei in die zentralen Lymphgefäße und von
diesen an einer zentralen Einmündungsstelle in die Venen unmittelbar vor dem
Herzen zurückgeführt.
Entstehung des Lymphödemes
Kommt es im Rahmen einer Krebserkrankung zu einer Schädigung der Lymphbahnen
oder der Lymphknoten, so kann es zu einer Abflussstörung der Lymphflüssigkeit
aus dem entsprechenden Körpergebiet kommen. Schädigungsmöglichkeiten der
Lymphknoten sind zum Beispiel in Lymphknoten gelegene Metastasen oder aber auch
eine operative Entfernung der Lymphknoten im Rahmen einer Krebsoperation oder
eine Bestrahlung des Gebietes, durch das Lymphgefäße hindurchziehen. Das
Lymphgefäßsystem ist weit verzweigt, so dass es nur bei einer Zerstörung
mehrerer Lymphbahnen oder Schädigung bzw. Entfernung zahlreicher Lymphknoten zu
einer Lymphabflussstörung kommt.
Besonders bedeutsam sind Lymphabflussstörungen bei Patientinnen nach
Operation von Brustkrebs, wenn die Achsellymphknoten operiert werden mussten
bzw. die Achselhöhle mit bestrahlt werden musste. Diese Patientinnen können ein
Lymphödem im Bereich der Brustwand oder des Armes entwickeln.
Bei Tumoren im Bereich des Unterbauches kann es bei Frauen wie bei Männern
ebenfalls zu einem Lymphstau kommen. Typische Erkrankungsbeispiele sind:
Prostatakrebs, Krebs der Eierstöcke und der Gebärmutter.
Das Ausmaß des Lymphödemes ist von Patient zu Patient sehr unterschiedlich.
Es kann unmittelbar nach der primären Therapie entstehen, sich aber auch noch in
der Folge der kommenden Monate und Jahre entwickeln.
Armlymphödem nach Brustkrebserkrankung
Das Armlymphödem kann in unterschiedlicher Ausprägung im Bereich der Finger
und Hände, des Unterarmes und/oder des Oberarmes auftreten. Einige Frauen
verspüren auch eine Schwellung im Bereich der Achselhöhle oder der
Brustwand.
Beinlymphödem
Auch hier kann es in unterschiedlicher Ausprägung zu einer Schwellung im
Bereich der Zehen und Füße, der Unterschenkel oder Oberschenkel kommen. Auch die
Genitalregion kann einbezogen sein.
Folgeerscheinungen und Komplikationen bei Lymphödemen
Ein ständiger Stau von Lymphflüssigkeit im Gewebe führt zu einer
Bindegewebsvermehrung und Bindegewebsverhärtung, die nach einiger Zeit zu einem
Umbau des Bindegewebes in Form einer sog. Fibrose führen kann. Hierdurch kann
die Funktionsfähigkeit der Extremität erheblich eingeschränkt werden.
Eine von einem Lymphödem betroffene Extremität ist erhöht infektanfällig. Es
können sich bereits über kleine Verletzungen (sog. Eintrittspforten)
Krankheitserreger im Gewebe ausbreiten. Die klassische Infektionsform stellt die
sog. Wundrose (Erysipel) dar. Hierbei handelt es sich um eine infektiöse, durch
ein Bakterium verursachte Entzündung im Gewebe, die sich bei fehlender
Behandlung ausbreiten kann. Die klassischen Symptome sind eine sich rasch
ausbreitende Rötung, Schwellung und Überwärmung, die auch mit allgemeinen
Symptomen wie Fieber einhergehen kann.
Eine Wundrose muss unmittelbar antibiotisch behandelt werden. Hinzu kommen
lokale Maßnahmen wie kühlende Umschläge, Ruhigstellung der Extremität und ggf.
Bettruhe.
Die sonst stattfindende Lymphdrainagebehandlung muss während des akuten
Entzündungsprozesses unterbrochen werden.
Vorsichtsmaßnahmen bei der Gefahr der Entstehung eines Lymphödems
Moderne Operations- und Bestrahlungstechniken sind darauf ausgerichtet, die
Entstehung eines Lymphödems zu verhindern. Dies ist aber aufgrund der bösartigen
Erkrankung nicht immer machbar. Außerdem scheint die Entwicklung eines
Lymphödems von individueller Konstellation abhängig zu sein.
Patienten, bei denen eine Operation durchgeführt wurde, die zur Entstehung
eines Lymphödems führen kann, sollten stärkere Belastungen der entsprechenden
Extremität und vor allen Dingen Verletzungen bzw. Infektionsmöglichkeiten
vermeiden.
Dies bedeutet konkret:
Armlymphödem
Tätigkeiten mit Verletzungsmöglichkeit sollten vermieden werden,
entsprechende Schutzkleidung ist zu tragen, z. B. bei der Hausarbeit oder der
Gartenarbeit, aber auch beim Umgang mit Haustieren. Zur Vermeidung von
Insektenstichen sollte möglichst langärmelige Kleidung getragen werden und in
entsprechenden Urlaubsregionen Insekten vertreibende Hautpflegemittel verwendet
werden.
Blutentnahmen oder Injektionen ebenso wie Akupunktur sollte an diesem Arm
vermieden werden. Auch häufigere Blutdruckmessungen sollten am anderen Arm
durchgeführt werden.
Sportarten sollten entsprechend ausgewählt werden, so dass Verletzungen des
Armes vermieden werden.
Im beruflichen Bereich sollten mehrstündige monotone Arbeiten oder häufige
Überkopfarbeiten sowie Heben und Tragen von schweren Lasten vermieden
werden.
Bei der Hausarbeit sollte die Belastbarkeit beim Fenster putzen, Einkaufen,
Wäsche aufhängen individuell entschieden werden.
Klassische Massagen und Anwendungen von Geräten sollten mit einem erfahrenen
Therapeuten abgestimmt werden, in der Regel sind klassische Massagen der
betroffenen Seite nicht sinnvoll.
Vorsicht ist auch bei Wärme und Überhitzung geboten, da Wärme grundsätzlich
zu einer Wasseransammlung im Gewebe führen kann die somit ein Lymphödem
begünstigt. Beim Schwimmen sollte die Temperatur nicht über 34 Grad betragen,
empfehlenswert ist eine Temperatur zwischen 25 und 28 Grad. Es sollten keine
heißen Packungen wie z. B. Fango oder Moor im betroffenen Bereich angewendet
werden. Bei Saunagängen muss individuell die Verträglichkeit vorsichtig
ausprobiert werden, auch hier gilt, dass kurze Saunagänge in niedrigerem
Temperaturbereich eher verträglich sind als höhere Temperaturen.
Beinlymphödem
Übertragen gelten die gleichen Regeln wie im Armbereich mit entsprechender
Schonung des betroffenen Beines. Verletzungsgefahren bei der Garten- und
Hausarbeit sind zu vermeiden. Auch Verletzungen durch falsches Schuhwerk sind
ungünstig.
Zur Vermeidung von Insektenstichen empfiehlt es sich, lange Hosen und
geschlossene Schuhe zu tragen. Besondere Sorgfalt sollte bei der Nagelpflege
angewandt werden, ggf. sollte eine professionelle Fußpflege aufgesucht
werden.
Sportarten mit besonderen Belastungen im Beinbereich sollten vermieden
werden, geeignet sind Dauersportarten wie Walking, Jogging, Golf, Schilanglauf,
Rad fahren. Wichtig bei allen Tätigkeiten ist, immer wieder Bewegungen
einzuschalten oder die Beine hoch zu legen, um den Lymphabfluss zu
verbessern.
Allgemeine Regeln
Allgemeine Regeln sind, Verletzungen, Hitze- und Kälteeinwirkungen zu
vermeiden, die Haut sollte mit geeigneten Hautpflegemitteln geschmeidig gehalten
werden. Ekzeme durch Kosmetika, Reinigungsmittel etc. sollten vermieden werden.
Die Kleidung sollte gut passen, nicht einengen und nicht abschnüren.
Sind Operationen im Bereich der betroffenen Extremität notwendig, so sollte
dies von erfahrenen Operateuren durchgeführt werden.
Miederwaren und Hilfsmittel beim Lymphödem
Bei Patientinnen mit einem Lymphödem der oberen Extremität sollte besonders
auf den Sitz des BHs geachtet werden. Spezielle BHs mit breiten Trägern ggf. an
bestimmten Stellen individuell gepolstert, sollten in einem erfahrenen
Sanitätsfachgeschäft angepasst werden.
Zur Hochlagerung gibt es für Arme und Beine entsprechende Lagerungskeile, die
insbesondere nachts Entlastung bringen können. Auch auf die Hochstellung des
Fuß- bzw. Kopfendes sollte geachtet werden.
Behandlung des Lymphödems
Die Behandlung des Lymphödems besteht aus der Kombination von manueller
Lymphdrainage und Kompressionsbehandlung.
Diese kombinierte Behandlung kann ein einmal entstandenes chronisches
Lymphödem bessern, aber nicht beseitigen.
Manuelle Lymphdrainage
Durch erfahrene Therapeuten wird eine manuelle Lymphdrainage im Bereich der
betroffenen Extremität durchgeführt. Darüber hinaus werden die für den
Lymphabstrom zuständigen, im gesunden Bereich liegenden Lymphgefäße mit
behandelt. Wichtig ist eine häufige Wiederholung der Griffe, so dass durch eine
langsame, nur durch geringen Druck ausgeübte Gewebeverformung der
Lymphflüssigkeitstransport angeregt werden kann.
Lymphdrainagen müssen langfristig und regelmäßig durchgeführt werden.
Kompressionstherapie:
Bis auf Formen eines ganz leichten Lymphödems schließt sich an eine manuelle
Lymphdrainage eine Kompressionstherapie an. Diese besteht in der ersten Phase
aus einer Bandagierung der betroffenen Extremität. Sind stabile Verhältnisse
erreicht, so kann ein Kompressionsstrumpf für Arm oder Bein, ggf. auch für die
Hand angepasst werden. Dieser Kompressionsstrumpf muss von erfahrenen
Fachkräften in einem Sanitätsfachgeschäft angemessen und individuell hergestellt
werden.
Bei der Kompressionsbestrumpfung kann Gewebe von unterschiedlicher Druckkraft
ausgewählt werden. Wir unterscheiden Strümpfe der Stärke I-IV. Ein Armlymphödem
wird z. B. in der Regel mit der Kompressionsklasse II versorgt, Beinlymphödeme
bei leichter bis mäßiger Ausprägung mit Klasse II, bei stärkerer Ausprägung mit
Klasse III.
Um dem Patienten eine größtmögliche Eigenständigkeit zu ermöglichen, stehen
verschiedene Anziehhilfen für Kompressionsstrümpfe zur Verfügung, die man sich
im Sanitätsfachhandel ansehen sollte.
Ambulante und stationäre Therapie des Lymphödems
In der Regel ist eine ambulante Therapie des Lymphödems, wenn sie konsequent
durchgeführt wird, ausreichend. Bei schweren Fällen sollte jedoch die Einweisung
in eine entsprechende Fachklinik erfolgen, bei der - ggf. sogar mehrfach täglich
- intensive Behandlungen durchgeführt werden können, um ein stark ausgeprägtes
Lymphödem zu vermindern.
Kontraindikationen der manuellen Lymphdrainage
Wie oben erwähnt, stellt die akute Entzündung im Bereich des Lymphödems
(Erysipel) eine Kontraindikation für die Durchführung der Lymphdrainage dar.
Bei einer tiefen Beinvenenthrombose sollte ebenfalls im akuten Stadium keine
Lymphdrainage durchgeführt werden. Dies gilt nicht für oberflächliche Thrombosen
und Venenentzündungen. Hierbei wird lediglich das akut entzündete Gebiet
ausgelassen und nur gekühlt.
Hat sich im Bereich eines Lymphödems ein Ekzem der Haut ausgebildet, so
sollte auch dieses Areal ausgespart werden und zunächst dermatologisch behandelt
werden.
Ein Therapieproblem stellen Patienten mit einer schweren Herzinsuffizienz
dar. Durch die Lymphdrainage könnten zum Teil erhebliche Flüssigkeitsmengen aus
dem Gewebe wieder in den Blutkreislauf zurückgeführt werden, die dann zu einer
erhöhten Belastung des Herzens führen. In diesen Fällen sollte die
Lymphdrainagen in erfahrenen Fachkliniken stationär begonnen werden.
Stand 27.06.07