Habichtswald-Klinik Kassel
Dr. med. Jutta Hübner, Chefärztin Onkologie
Der Magenkrebs ist für Männer die fünft-, für Frauen die sechsthäufigste
Krebserkrankung in Deutschland. Er entsteht aus Schleimhautzellen des Magens und
wächst von der Schleimhaut aus in die Magenwand ein.
Tumorentstehung
Es ist inzwischen gut nachgewiesen worden, dass bestimmte Nahrungsmittel vor
Magenkrebs schützen können, andere offensichtlich eine Entartung fördern.
Insbesondere Nitrosamine in der Nahrung ist seit Jahren ein bekannter
Risikofaktor. Nitrosamine entstehen auch aus nitrathaltigen, z. B. geräucherten
oder stark gesalzenen Speisen. Weitere Risikofaktoren sind Nikotin- und erhöhter
Alkoholkonsum. Seit einigen Jahren wird das im Magen vieler Menschen lebende
Bakterium Helicobacter pylori beschuldigt, neben chronischen Magengeschwüren
auch Magenkrebs verursachen zu können. Wird eine solche Infektion festgestellt,
so führt eine Antibiotikatherapie in der Regel zum Verschwinden des Keimes. Bei
einer schon bestehenden Magenkrebserkrankung ist dies zur Therapie nicht
ausreichend.
Im Magen kommen zwei weitere Arten von bösartigen Tumoren vor: Lymphome und
gastrointestinale Stromatumoren (GIST), diese Erkrankungen werden in diesem
Kapitel nicht besprochen, sie sind nicht mit dem Magenkarzinom verwandt und
werden anders behandelt.
Symptome
Die Symptome des Magenkrebs sind oft wenig eindeutig: Unklare
Oberbauchbeschwerden, Gewichtsabnahme und Schwäche sollten eine klärende
Diagnostik herbeiführen. Dazu ist im Allgemeinen eine Magenspiegelung die
aussagekräftigste Methode. Die Ultraschalluntersuchung durch die Bauchdecke ist
zur Diagnose des Magenkrebs nicht geeignet, spezielle Ultraschallsonden, die im
Rahmen einer Magenspiegelung „geschluckt“ werden (Endosonografie), klären die
Eindringtiefe des Tumors und den Befall der benachbarten Lymphknoten.
Zur Vorbereitung der Therapie muss nach Sicherung der Diagnose festgestellt
werden, welche Ausdehnung der Tumor hat. Neben dem Ultraschall kann hierzu ein
CT hilfreich sein, manchmal führt erst eine Spiegelung der Bauchhöhle zum
Ziel.
Feingewebliche Untersuchung und Stadieneinteilung
Die feingewebliche Untersuchung unterscheidet bei den Magenkarzinomen
zwischen Adenokarzinomen mit den Untertypen papillär, tubulär, muzinös und
Siegelringzellkarzinome, die insgesamt 95% ausmachen sowie den selten
auftretenden adenosquamösen Karzinomen.
Häufig genannt wird die histologische Einteilung nach Lauren, die einen
intestinalen Typ mit polypösem Wachstum und günstiger Prognose von einem
diffusen Typ mit infiltrativem Wachstum und ungünstiger Prognose sowie einen
Mischtyp, dessen klinisches Verhalten jedoch den Karzinomen vom diffusen Typ
entspricht, unterscheidet.
Magenkarzinome können an verschiedener Stelle im Magen entstehen. Im Bereich
des Mageneinganges liegen 10-20 % aller Karzinome, im Bereich des Magenkörpers
20-30% und im Bereich des sog. Magenantrums und des Magenpförtners 50-80%.
Ein besonders günstiges Stadium ist das sog. Magenfrühkarzinom. Hierbei
handelt es sich um ein auf die Schleimhaut und die unmittelbar unter der
Schleimhaut liegende Bindegewebsschicht beschränktes Magenkarzinom. Eine
Lymphknotenmetastasierung ist jedoch auch in diesem Stadium möglich.
Die Stadieneinteilung des Magenkarzinoms erfolgt nach dem sog. TNM-System,
wobei T für die Ausdehnung des Primärtumors, N für den Lymphknotenbefall (Nodus)
und M für die Fernmetastasierung steht. Bei der Einteilung der T-Stadien wird
nicht nach der unmittelbaren Größe des Tumors, sondern nach der Eindringtiefe
der Tumorzellen in die Magenwand unterschieden.
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TIS |
Carcinoma in situ, Beschränkung des Tumors auf die oberste
Schleimhautschicht |
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T1 |
Tumorzellen infiltrieren die tiefergelegenen Schleimhautanteile und das
Bindegewebe unterhalb der Schleimhaut |
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T2 |
Der Tumor infiltriert die Muskelschicht der Magenwand und die
darunterliegende Bindegewebsschicht |
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T3 |
Der Tumor infiltriert die Außenschicht des Magens |
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T4 |
Der Tumor infiltriert Nachbarorgane wie z. B. Dickdarm, Leber,
Bauchspeicheldrüse, Zwerchfell, Milz |
Das TNM-System wird verfeinert durch die Angabe des sog. Gradings, eingeteilt
in G1-G3, wobei G1 hoch differenzierten Karzinomen, G2 mäßig differenzierten
Karzinomen und G3 gering differenzierten Karzinomen in der feingeweblichen
Untersuchung entsprechen.
In der Stadieneinteilung nach AJCC aus dem Jahre 1997 werden verschiedene
TNM-Stadien in die Stadien 0, I-IV eingeteilt.
Therapie
Über lange Jahre war die Operation das wichtigste Therapieverfahren bei der
Behandlung von Magenkrebs. Diese sollte durch einen erfahrenen Operateur
erfolgen. Da die Prognose des Magenkrebses entscheidend von der Ausdehnung des
Tumors im Magen abhängt, ist der Zeitpunkt der Diagnose dieses Tumors der
entscheidende Prognosefaktor. Derzeit ist diese Erkrankung nur durch eine
vollständige operative Entfernung heilbar. Bei sehr frühen ganz oberflächlichen
Tumoren sind auch endoskopische Therapien einsetzbar.
Ist bei Diagnosestellung eine Operation im Gesunden nicht möglich, so wird
derzeit in Studien versucht, die Operabilität durch eine vorgeschaltete
Chemotherapie zu erreichen.
Die neuesten Untersuchungen zeigen, dass eine vor der Operation durchgeführte
Chemotherapie, die nach der Wundheilung noch fortgesetzt wird, bessere
Behandlungsergebnisse zeigt, als die primäre Operation.
Deshalb sollte jeder Patient mit einem neu diagnostizierten Magenkrebs vor
der Operation einem Onkologen vorgestellt werden.
Therapie in fortgeschrittenen Stadien
In fortgeschrittenen Stadien ist zu überlegen, ob eine Operation zur
Linderung z. B. von Beschwerden und Wiederherstellung der Magenpassage sinnvoll
ist.
In der Regel wird man dem Patienten in dieser Situation eine Chemotherapie
anbieten, die aus einer Monotherapie mit dem Zytostatikum 5-FU oder einer
Kombinationschemotherapie bestehen kann. Im Rahmen von
Kombinationschemotherapien stehen erprobte klassische Protokolle zur Verfügung,
zunehmend werden aber auch neue Chemotherapiesubstanzen eingesetzt, deren
Wirksamkeit in Studien nachgewiesen werden konnte.
Nachsorge
Die Nachsorge des Patienten nach primärer Operation und eventueller
adjuvanter Chemotherapie besteht in dreimonatlichen Kontrollen mit
Anamneseerhebung, klinischer Untersuchung, Kontrollen von Laborwerten, ggf. von
Tumormarkern, Röntgenuntersuchung der Lunge und Ultraschalluntersuchung des
Bauchraumes. Nach zwei Jahren können die Nachsorgeintervalle auf sechs Monate,
später auf zwölf Monate verlängert werden.
Ein besonderes Augenmerk muss auf die Erholung des Wertes des roten
Blutfarbstoffes (Hb) gelegt werden, da es nach Magenoperationen häufig zu
Blutbildungsstörungen kommt. Für die Aufnahme von Vitamin B12 mit der Nahrung
ist eine im Magen gebildete Substanz erforderlich, die nach totaler
Magenentfernung fehlt. Deshalb muss nach Magenentfernung das Vitamin B12 etwa
alle 3 Monate gespritzt werden. Auch die Substitution von Eisen und
Bauchspeichelenzymen ist in der Regel erforderlich.
Angebot für Patienten mit Magenkarzinom in der Habichtswald-Klinik Kassel,
Abteilung Onkologie
Patienten, die mit der ersten Diagnose oder einer Rezidivdiagnose
konfrontiert werden, können sich im Rahmen unserer second opinion eine zweite
Meinung einholen.
Im Rahmen eines stationären Aufenthaltes können Chemotherapien begonnen oder
fortgeführt werden. In ausgewählten Fällen ist in Kooperation die Durchführung
einer Strahlentherapie möglich.
Anschlussheilbehandlung und Rehabilitation
Als Bestandteile einer ganzheitlichen Abteilung tragen alle unsere
therapeutischen Angebote gemeinsam zu der Wiedererlangung der Einheit von
Körper, Geist und Seele bei.
Patienten, die zu einer Anschlussheilbehandlung im Rahmen einer
Rehabilitation zu uns kommen, erfahren eine intensive Begleitung der Therapie,
die zu einer Steigerung der Leistungsfähigkeit und Lebensqualität führen soll.
Im Rahmen der Behandlung eines Patienten mit Magenkrebs gibt es keine
komplementäre Therapie, die die Operation, Bestrahlung oder Chemotherapie
ersetzen kann. Wir wissen aber, dass komplementäre Verfahren die Lebensqualität
während und nach der schulmedizinischen Therapie erhöhen können.
Unter komplementären Verfahren verstehen wir gezielt eingesetzte
Nahrungsergänzungsmittel, die Pflanzenheilkunde, z. B. zur Linderung von
postoperativ auftretenden Hormonentzugssymptomen, zur Unterstützung von
Entspannungsverfahren, zur natürlichen Beeinflussung von Ängsten und
Depressionen.
Darüber hinaus hat es sich die Naturheilkunde zum Ziel gesetzt, das unter der
Krebserkrankung und der Schulmedizin leidende Immunsystem zu stärken und in
seinem Kampf gegen die Krebserkrankung zu unterstützen.
Ganzheitliche Medizin bedeutet für den Krebspatienten die Berücksichtigung
aller Dimensionen des Lebens, also neben rein körperlichen Gesichtspunkten auch
die geistigen und seelischen Aspekte.
Viele Therapieansätze aus der Ganzheitsmedizin zielen nicht direkt auf die
Zerstörung des Tumors sondern auf die Stärkung der körpereigenen Kräfte und die
die Förderung der Gesundung (Salutogenese).
Eine begleitende und wieder aufbauende psychologische Betreuung soll die
Erfahrung der lebensbedrohlichen Erkrankung überwinden helfen und ein positives
Gestalten der eigenen Zukunft ermöglichen. Speziell onkologisch erfahrene
Psychotherapeuten begleiten unsere Patienten in Gruppentherapien und
Einzeltherapien. Durch Einzeltherapien ist es möglich, nicht nur die
unmittelbare Verarbeitung der Krebsdiagnose, sondern auch in der
Lebensgeschichte der Patientin liegende Probleme zu thematisieren und gezielt zu
bearbeiten.
Es gelingt so sogar für Patienten in einem fortgeschrittenen
Krankheitsstadium, die Lebensqualität deutlich zu verbessern. Wir gehen davon
aus, dass durch diese Verbesserung der Lebensqualität auch die körpereigenen
Abwehrkräfte gestärkt werden.
Wesentlich tragen die Mitarbeiter der Krankengymnastik und der Bäder- und
Massageabteilung dazu bei, dass der Patient körperliches Wohlbefinden
wiedererlangt. Im Rahmen der Krankengymnastik, Sporttherapie und in der
Massage- und Bäderabteilung werden verschiedene Therapieformen eingesetzt, um
gezielt die körperliche Leistungsfähigkeit zu verbessern und wieder Zutrauen in
den eigenen Körper zu finden und auch auf diesem Weg einen höhere Lebensqualität
zu erreichen.
Die Ernährung ist ein wesentlicher Bestandteil einer ganzheitlichen Therapie.
Es gibt keine gezielte Krebsdiät, die den Tumor beseitigen könnte, aber durch
eine gesunde Ernährung kann viel zur Stärkung des Körpers beigetragen werden.
Dabei muss die Krankheitsgeschichte des Patienten berücksichtigt werden. Deshalb
bieten wir verschiedene Formen einer vollwertigen Ernährung und Vitalkost
(ausgewogenen Form der Makrobiotik) aber auch alle medizinisch erforderlichen
Diäten an. Darüber hinaus können Patienten in unserem Haus die ayurvedische
Ernährung kennen lernen.
Das Hauptproblem von Patienten mit Magenkrebs nach der Operation ist es, mit
dem (meist aus Darmteilen hergestellten, kleineren) Ersatzmagen zu Recht zu
kommen: Oft sind nur sehr kleine Mahlzeiten möglich, es kommt leicht zu
Übelkeit, und die oft lange anhaltende Appetitlosigkeit erschwert zusätzlich
eine Gewichtszunahme.
Die Ernährungstherapie richtet sich nach den Bedürfnissen und Symptomen des
Patienten. In der Regel ist es unter der Therapie oft auch schon im
vorangehenden Krankheitsverlauf zu einer deutlichen Gewichtsabnahme gekommen.
Patienten können nur noch kleine Mahlzeiten zu sich nehmen, oft kommt es zu
Unverträglichkeiten von Milchprodukten, fetten Speisen, Abneigung gegen Fleisch,
so dass, um eine ausgewogene Ernährung zu erreichen, spezielle Kostformen mit
häufigen kleinen Mahlzeiten angeboten werden müssen.
Soweit erforderlich, kommen ergänzende Ernährungen in Form von
Nahrungskonzentraten („Astronautenkost“) oder in Form einer Ernährung über die
Venen in Frage. Auch eine komplette Ernährung über die Venen ist in unserem
Hause möglich.
Bei der Diagnose Krebs taucht bei vielen Patienten die Frage nach dem Sinn
auf. Hier bietet unsere Klinik einzigartige Möglichkeiten, auf freiwilliger
Basis verschiedene Angebote zu nutzen, um sich mit diesem Thema
auseinanderzusetzen. Hierzu gehören vorbereitend Entspannungsverfahren und ein
nicht konfessionell gebundenes spirituelles Angebot von Meditationen über
Sakralen Tanz zum gemeinsamen Singen.
Wesentlich zur Wiedererlangung der eigenen Kräfte und Freude am eigenen
Schaffen ist die freiwillige Teilnahme am kreativen Angebot.
Patienten, die mit fortgeschrittenen Tumorerkrankungen in unser Haus kommen,
werden umfassend und vertrauensvoll über das für und wider jedes
Behandlungsschrittes sorgfältig in Gespräch zwischen Arzt und Patient
aufgeklärt.
Stand 27.06.07