Habichtswald-Klinik Kassel
Dr. med. Jutta Hübner, Chefärztin Onkologie
Bei der Mistel handelt es sich um eine parasitär auf Bäumen wachsende
Pflanze, die in unseren Breitengeraden insbesondere im Winter in den Kronen von
Laubbäumen an ihrem kugelförmigen Wachstum und den auch im Winter vorhandenen
grünen Blättern gut zu erkennen ist.
Die Misteltherapie wurde von dem Anthroposophen Dr. Rudolf Steiner zu Beginn
des 20. Jahrhunderts in die Krebstherapie eingeführt.
Auf dem deutschen Markt stehen sieben verschiedene Präparate zur Verfügung,
von denen vier nach anthroposophischen Prinzipien hergestellt werden, drei als
Pflanzenheilmittel im klassischen Sinn zu verstehen sind.
Die Herstellung des Präparates aus der frischen Pflanze erfolgt von
Hersteller zu Hersteller mit unterschiedlichen Methoden. Die anthroposophischen
Zubereitungen werden nach Wirtsbäumen getrennt, wobei bestimmten Wirtsbaumarten
bestimmte Indikationen zugeordnet werden. Diese Zubereitungen gibt es in
unterschiedlichen Wirkstärken, die in einigen Fällen auch in Form von
ansteigenden Serien zusammengefasst sind.
Im Gegensatz dazu gibt es sog. standardisierte Zubereitungen, bei denen in
jeder Ampulle eine fixierte Menge eines bestimmten Wirkstoffes (Lektin)
vorliegt.
Die Wirkung der Mistel
Wie bei vielen pflanzlichen Heilmitteln ist die Zuordnung der Wirkung zu
einem einzelnen Inhaltsstoff schwierig. Zu den bisher isolierten Wirkstoffen
gehören die sog. Mistellektine und die Viscotoxine, vermutlich aber auch
Aminosäuren, Zuckerverbindungen, Lipide innerhalb der Zellmembranen und
Flavonoide.
Der jeweilige Gehalt an diesen Inhaltsstoffen wechselt von Pflanze zu Pflanze
abhängig von der Jahreszeit, den gesammelten Pflanzenteilen und dem
Wirtsbaum.
Laborchemische Untersuchungen zeigen, dass im Reagenzglas Mistelextrakte in
sehr hoher Dosierung zu einem Absterben von Tumorzellen führen können, außerdem
werden bestimmte Zellen des Immunsystems über sogenannte Zytokine aktiviert, die
zur körpereigenen Abwehr gegen Tumorzellen gehören.
Im Tierexperiment konnte mit sehr hohen Dosierungen von Mistelextrakten ein
vermindertes Wachstum von Tumoren bzw. auch teilweise Tumorrückbildungen
erreicht werden.
Beim Menschen konnte ebenfalls nachgewiesen werden, dass es unter einer
Misteltherapie zu einer Aktivierung des Immunsystems kommen kann. Ob dies auch
gegen den Tumor wirkt, ist allerdings umstritten.
Bei einer bestehenden Tumorerkrankung besteht für das Immunsystem
grundsätzlich das Problem, Tumorzellen als fremd zu erkennen und zu bekämpfen,
da die Tumorzellen aus körpereigenen Zellen entstehen und nicht die
erforderlichen Signale an die Immunzellen aussenden. Eine alleinige Aktivierung
der Immunzellen ist deshalb vermutlich nicht in der Lage, eine ausreichende
Wirkung gegen den Tumor auszulösen.
Ein wesentliches Problem in der Beurteilung der Wirksamkeit der Mistel in der
Onkologie besteht darin, dass trotz der jetzt fast ein Jahrhundert lang
währenden Anwendung am Patienten kaum Studien vorliegen, die den modernen
Kriterien einer wissenschaftlichen Studie genügen. Bei den meisten
Untersuchungen handelt es sich um Fallbeschreibungen meist auch nur kleiner
Patientengruppen oder von Einzelfällen.
Bisher liegen nur wenige Studien vor, die die entscheidenden Fragen zur
positiven Wirkung der Misteltherapie auf die Rezidivrate oder Überlebenszeit
aufgreifen.
Folgende Studien mit der Fragestellung nach einer Verbesserung des
Krankheitsverlaufes wurden durchgeführt und ergaben unterschiedliche
Ergebnisse:
1. Bei der Rezidivprophylaxe des
oberflächlichen Harnblasenkarzinoms ergab eine Misteltherapie keinen Vorteil im
Vergleich zu einer Placebotherapie.
2. Bei Patienten mit
Dickdarmkarzinom ergab eine Misteltherapie keine Verbesserung der
Überlebenszeiten.
3. Beim metastasierten
Nierenzellkarzinom ergaben sich im Vergleich zwischen einer schulmedizinischen
Chemo-Immuntherapie gegenüber einer Misteltherapie keine Unterschiede.
4. In einer Studie mit Patienten
mit malignem Melanom (schwarzer Hautkrebs) zeigte sich in der Tendenz eine
Verkürzung des krankheitsfreien Überlebens und des Gesamtüberlebens unter der
Misteltherapie, vor allem in fortgeschrittenen Stadien.
5. In einer Studie bei
Brustkrebspatientinnen, deren endgültige Auswertung noch nicht vorliegt, wird
von einer sich abzeichnenden Verbesserung der Rezidivfreiheit berichtet.
6. Eine aktuelle Veröffentlichung
hat das Überleben von Patienten mit Darmkrebs rückblickend untersucht. Die
Autoren berichten von einem deutlichen Überlebensvorteil für die Mistel,
beachten aber nicht, dass die Gruppe der Patienten mit Misteltherapie wesentlich
jünger war, als die Vergleichsgruppe, was für den Verlauf der Tumorerkrankung
einen wesentlichen Effekt haben dürfte.
In dieser Untersuchung und in weiteren Experimenten zeigt sich jedoch eine
andere, für den Patienten wesentliche Wirkkomponente der Misteltherapie.
Offensichtlich kommt es (möglicherweise vermittelt über Zytokine) zu einer
Ausschüttung sogenannter Endorphine, die beim Patienten zu einer Verbesserung
der Befindlichkeit, Verminderung von Angst und Unruhe und einer Steigerung der
Verträglichkeit von Chemotherapie und Bestrahlung führen und somit die
Lebensqualität anheben kann.
Dies konnte neben der Studie mit Patientinnen mit Brustkrebs auch bei
Dickdarmkrebs und Bauchspeicheldrüsenkrebs und bestimmten Hirntumoren
nachgewiesen werden.
Kann eine Misteltherapie zu Schädigungen führen?
Aus Labor- und Tierexperimenten wurde berichtet, dass die durch die
Misteltherapie geförderte Ausschüttung von Botenstoffen (Zytokinen) das Wachstum
von Tumorzellen fördern könne. Die Ergebnisse verschiedener Versuche sind an
diesem Punkt widersprüchlich. Eine neue Untersuchung an malignen Zellen des
Immunsystems (Lymphome und Leukämien) zeigt, dass eine Förderung der Tumorzellen
nachweisbar ist.
Bei diesen Erkrankungen, beim Melanom und auch beim Nierenzellkrebs ist
deshalb von einer Misteltherapie abzuraten ist.
Darüber hinaus bestehen nur in wenigen Fällen Bedenken gegen eine Anwendung
einer Misteltherapie. Eine Temperaturerhöhung um 0,5°C nach der Mistelinjektion
tritt relativ häufig auf und ist nicht negativ zu bewerten, gleiches gilt für
die häufig auftretende lokale Reaktion in Form einer 2-3 cm großen Rötung.
Hierbei handelt es sich nicht um eine allergische Reaktion.
Bei wenigen Patienten tritt eine allergische Reaktion auf eine
Mistelinjektion auf, die sich dann auch bis hin zu einem generalisierten
Geschehen mit Juckreiz, Luftnot und Kreislaufschock entwickeln kann. Aus diesen
Gründen sollte die Therapie unter ärztlicher Regie erfolgen.
Aufgrund dieser Zusammenhänge sollte eine Misteltherapie auch nicht während
einer im Körper bestehenden Entzündung durchgeführt werden. Besondere Vorsicht
ist auch angezeigt bei Patienten mit einer allergischen Erkrankung oder
Autoimmunerkrankungen, da unter einer Aktivierung des Immunsystems auch eine
Verschlechterung denkbar ist.
Umstritten ist, ob Patienten eine Misteltherapie bereits während der
Chemotherapie oder Bestrahlung bekommen sollen. Gute Daten liegen dazu vor, dass
die Verträglichkeit der Therapie unter Mistelgabe besser wird. Unklar ist
jedoch, ob nicht durch den Wachstumsreiz für bestimmte Immunzellen eine erhöhte
Empfindlichkeit gegen die Therapie und damit ein erhöhtes Risiko für einen
Abfall der weißen Blutkörperchen (Leukozyten) besteht. Diese Befürchtung wurde
bisher noch nicht in Studien belegt. Eine Wechselwirkung der Misteltherapie mit
der Verstoffwechselung von Chemotherapiemitteln gibt es offenbar nicht.
Was kann Patienten auf die Frage nach der Misteltherapie geraten
werden?
Zunächst sollte geprüft werden, ob es sich bei der vorliegenden
Tumorerkrankung um eine der oben genannten Erkrankungen handelt, bei denen die
Möglichkeit einer Förderung des Tumorwachstums durch die Misteltherapie nicht
absolut sicher ausgeschlossen werden kann. Diesen Patienten sollte von einer
Misteltherapie abgeraten werden.
Bei den übrigen Patienten sollte aus der Vorgeschichte erfragt werden, ob
möglicherweise eine allergische Erkrankung oder eine Autoimmunerkrankung
vorliegt, dies sollte zumindest zu einer sehr vorsichtigen Anwendung führen.
Bei allen anderen Patienten kann dem Wunsch des Patienten nach einer von ihm
auch in eigener Regie durchgeführten aktiven Therapie gegen die Tumorerkrankung
aus ärztlicher Sicht entsprochen werden.
Dabei kann die Misteltherapie bereits während einer Chemotherapie oder
Bestrahlung begonnen werden, da viele Patienten über eine bessere
Verträglichkeit berichten und nicht mit einer Abschwächung der Wirkung der auf
den Tumor zielenden Therapie gerechnet werden muss.
Die Auswahl des Präparates, die Dosierung und der Anwendungszeitraum müssen
individuell und basierend auf der Erfahrung des verordnenden Arztes erfolgen, da
es keine vergleichenden Studien zur Wirksamkeit der verschiedenen Präparate
gibt.
Stand 27.06.07