Dr. med. Jutta Hübner
Habichtswald-Klinik, Wigandstr. 1, Kassel
Die Palliativmedizin führt in unserer Gesellschaft ein Zwitterdasein.
Einerseits wird ihre hohe Bedeutung anerkannt, andererseits werden mit ihr
verbundene Begriffe und Gedanken wie Tod und Sterben, ärztliche und pflegerische
Begleitung ohne Anwendung aller modernen medizinischen Maßnahmen und Therapien,
menschliche Zuwendung statt Apparatemedizin in einen Bereich verdrängt, wo sie
möglichst nicht wahrgenommen werden sollen.
Eine der größten Ängste Patienten, denen die Diagnose Krebs mitgeteilt wird,
ist die Angst vor dem letzten Lebensabschnitt, vor dem Sterben, von dem wir zwar
wissen, dass keiner ihm entgehen kann, das jedoch mit dieser Diagnose plötzlich
bedrohliche Realität wird.
In der Onkologie hat palliativ eine besondere, leider jedoch zweigeteilte
Bedeutung:
Palliative tumorgerichtete Therapie, z. B. palliative
Chemotherapie oder Bestrahlung heißt, dass eine zielgerichtete gegen den Tumor
gewandte Therapie bei einer Erkrankung eingesetzt wird, die letztendlich nicht
mehr vollständig zu heilen ist. Dies bedeutet jedoch keinesfalls, dass dieser
Abschnitt einer Therapie mit Leiden und Siechtum einhergehen muss. Moderne
Möglichkeiten der onkologischen Therapie bedeuten, dass wir einen Patienten in
einer palliativen Situation zum Teil über viele Jahre und bei guter
Lebensqualität begleiten können.
Die Palliativmedizin beschäftigt sich dagegen mit der
letzten Lebensphase eines Menschen. Es steht weniger die gegen den Tumor
gerichtete Therapie, sondern vielmehr die Linderung von Symptomen und die
Ermöglichung eines würdevollen Sterbens im Vordergrund.
Aufgaben der Palliativmedizin sind die Linderung von Schmerzen, Luftnot,
Übelkeit und Erbrechen, das Stillen von Hunger und Durst. Ebenso wichtig ist das
Vermitteln von Geborgenheit und Zuverlässigkeit.
Eine scheinbar hoffnungslose Situation kann durchaus mit Hoffnung gefüllt
werden, nämlich mit der Hoffnung, dass auch im Sterben liegende Menschen nicht
allein sind. Angehörige und enge Freunde, Laienhelfer wie z. B. in der
Hospizbewegung und professionelle Helfer wie Schwestern, Ärzte, Psychologen und
Seelsorger können den schwer Kranken begleiten.
Wir halten es für wichtig, die Bedingungen zu schaffen, um eine Bilanz des
eigenen Lebens zu ziehen, zu spüren, dass vieles gut und richtig war und dass
dadurch der Abschied erleichtert wird. Würdevolles Sterben gibt auch den
Angehörigen die Möglichkeit zum Abschiednehmen. Dabei sind die zeitlichen Räume
unterschiedlich bemessen, die dem einzelnen und dem ihn umgebenden Kreis gegeben
sind.
Die meisten Menschen wünschen sich, zu Hause in der eigenen Wohnung zu
sterben, manchmal ist dies jedoch wegen starker Beschwerden oder nicht möglicher
Versorgung durch Angehörige nicht durchführbar. In diesen Fällen stehen an
vielen Orten in Deutschland mittlerweile Hospize zur Verfügung.
Die ebenfalls zunehmend geschaffenen Palliativstationen haben dagegen den
Auftrag, während eines sehr kurzen Aufenthaltes gezielt meist medikamentös
Beschwerden wie z. B. Schmerzen zu lindern und dann die Entlassung nach Hause
oder in ein Hospiz zu ermöglichen.
Die Habichtswald-Klinik in Kassel begleitet seit Jahren Patienten palliativ.
Dabei haben wir keine abgeschlossene Palliativstation, sondern stellen uns immer
den Wünschen des einzelnen Patienten und seiner Angehörigen. Manche Patienten
bleiben auch längere Zeit wie in einem Hospiz und werden von ihren Angehörigen
begleitet. .
Während Palliativstation und Hospiz immer abgegrenzte Einrichtungen sind,
führen wir die Betreuung von Palliativpatienten auf einer offenen Station durch.
Dies ist eine Herausforderung nicht nur für die dort arbeitenden Mitarbeiter,
sondern auch für die Patienten, und zwar sowohl die Palliativpatienten als auch
die anderen.
Unsere Erfahrungen zeigen jedoch, dass, wenn die Begegnung nicht erzwungen
wird wie in manchen Krankenhäusern, sondern freiwillig und in gegenseitigem
Geben und Nehmen erfolgt, für beide, die Gesünderen wie für die Kränkeren, aber
auch für beider Angehörige ein ganz wichtiger Austausch entstehen kann.
Die Betreuung von Palliativpatienten erfolgt in enger Zusammenarbeit von Arzt
und Pflegekräften unter regelmäßiger Einbeziehung von Psychotherapeuten, wobei
neben der Gesprächstherapie auch das Angebot besteht, sich im Malen auszudrücken
durch die Teilnahme am Audrucksmalen.
Durch die Einbeziehung von Krankengymnastik, Massagen und Reflextherapien
entstehen weitere Möglichkeiten, Beschwerden zu lindern und das Gefühl des
Betreutseins zu vermitteln.
Bei den gerade in dieser Situation so wichtigen Gesprächen mit dem Patienten
und seinen Angehörigen sind Wahrheit und Aufrichtigkeit wesentlich, immer in der
Rücksichtnahme darauf, was der Einzelne an Gedanken ertragen will und kann.
Wahrheit entwickelt sich aus wachsender Information im Laufe der Erkrankung, sie
bedeutet aber auch die Unsicherheit von Prognosen verstehen zu lernen und zu
akzeptieren.
Es ist uns wichtig, Zeit zu haben, dies sowohl im einzelnen Kontakt als auch
in der Dauer des Aufenthaltes, die vielfach von unseren Patienten selbst
bestimmt werden kann, wenn sie nicht durch die Krankheit begrenzt wird.
Stand: 27.06.2007