Dr. med. Jutta Hübner, Chefärztin Onkologie
Die Bildung von Blutgefäßen ist im Körper eine wichtige Funktion.
Sie hat nicht nur während der Entwicklung des Embryos und Feten im Mutterleib
eine Bedeutung, sondern bei allen Wachstums- und Heilungsvorgängen. Das Wachstum
von Blutgefäßen wird durch körpereigene Botenstoffe angeregt. Hierzu gehören in
erster Linie Gefäßwachstumsfaktoren (vascular endothelial growth factor, VEGF),
aber auch der Fibroblastenwachstumsfaktor (FGF-alpha), der epitheliale
Wachstumsfaktor (EGF), der sog. plateled devived growth factor (PDGF) sowie
Angiopoeitin und vermutlich auch der Tumornekrosefaktor (TNF). Botenstoffe der
Entzündung wie Interleukin-8 und Prostaglandin-E1 und -E2 sowie ein
Wachstumsfaktor für die Knochenmarksstammzellen (G-CSF) regen ebenfalls die
Bildung von Blutgefäßen an. Diese Botenstoffe bestehen aus unterschiedlich
geformten Eiweißmolekühlen, die sich an der Zelloberfläche von Gefäßwandzellen
an sogenannte Rezeptoren binden. Jeder Wachstumsfaktor hat seine speziellen
Rezeptoren. Über die Rezeptoren wird in der Zelle ein Signal ausgelöst, das zum
Zellenwachstum und damit zur Ausbildung von Gefäßen führt.
Auch bösartige Tumoren müssen bei Ihrer Entwicklung Nährstoffe aus der
Umgebung aufnehmen können. Bei der Entwicklung der ersten Tumorzellen kann dies
noch aus dem normalen umliegenden Gewebe bzw. aus den normalen Blutgefäßen
erfolgen. Wächst jedoch aus den Tumorzellen ein Tumorknoten heran, so ist es für
diesen heranwachsenden Tumor von besonderer Bedeutung, sich seine eigene
Durchblutung zu schaffen. Dies geschieht, indem Tumorzellen
Gefäßwachstumsfaktoren an die Umgebung abgeben und hierdurch gesunde Gefäßzellen
dazu anregen, neue Gefäße zu bilden.
Die Gefäße in Tumoren unterscheiden sich deutlich von normalen Gefäßen. Sie
sind in ihrem Aufbau ungeordneter und die Gefäßwand ist nicht so dicht wie bei
normalen Blutgefäßen. Diese Durchlässigkeit der Gefäßwände führt dazu, dass
zunehmend Eiweißstoffe und damit auch Blutplasma in das Tumorgewebe eindringen.
Der Druck steigt an, die Versorgung mit Sauerstoff und Nährstoffen wird
schlechter, was die Tumorzellen umso mehr dazu veranlasst,
Gefäßwachstumsfaktoren auszuscheiden.
Beim normalen Wachstum kommen neben Wachstumsfaktoren auch Wachstumshemmer
vor, die ebenfalls vom Körper selbst gebildet werden können. Hierzu gehören die
beiden Substanzen Angiostatin und Endostatin. Sie verhindern eine überschießende
Gefäßbildung und führen zur direkten Hemmung des Wachstums von Gefäßwandzellen
(Endothelzellen). Vom Tumor werden Angiostatin und Endostatin nicht gebildet.
Die Gefäßneubildung wird als Angiogenese bezeichnet, ihre Hemmung als
Angiogeneseinhibition oder Antiangiogenese. Die Entdeckung der beiden
natürlichen Angiogeneseinhibitoren Angiostatin und Endostatin führte dazu, dass
die Forschung sich verstärkt darauf konzentrierte, diese und ähnliche Substanzen
künstlich herzustellen.
So konnte ein Antikörper entwickelt werden, der an den Wachstumsfaktor VEGF
bindet und ihn damit unwirksam macht. Dieser Antikörper hat den komplizierten
Namen Bevacizumab (Avastin®). Bevacizumab wird komplett künstlich hergestellt.
Es ist mittlerweile in die Therapie, z. B. bei Dickdarm- und Brustkrebs,
eingeführt worden.
Neue Studien zeigen, dass dieser Antikörper auch bei anderen Tumorarten
hilfreich sein kann. Hier werden in Kürze immer mehr Untersuchungen vorliegen,
die uns zeigen, wann welcher Patient mit welcher Diagnose am meisten vom Einsatz
dieser Antikörper profitiert.
Die Studien an Patienten mit Bevacizumab haben gezeigt, dass trotz aller
Hoffnungen, allein mit diesen zielgerichteten Substanzen Tumoren zum Absterben
zu bringen, bei den meisten Patienten ein Stillstand der Erkrankung oder eine
Rückbildung erreicht wird, nicht aber eine komplette lang anhaltende Heilung.
Aus diesem Grunde wird Bevacizumab meistens in Kombination mit einer
Chemotherapie oder weiteren modernen Medikamenten eingesetzt.
Antikörper, insbesondere Bevacizumab, sind jedoch trotz ihrer relativ
zielgerichteten Wirkung nicht nebenwirkungsfrei. Zu den Nebenwirkungen von
Bevacizumab gehören Schwäche, Bauchschmerzen, tiefe Beinvenenthrombosen,
Blutdruckanstiege mit Bluthochdruck, Durchfall oder Obstipation und
Blutbildveränderungen.
Selten kommt es zu Blutungen im Magen-Darm-Bereich (oder z. B. in der Lunge)
oder gar zur Ausbildung von Löchern in der Wand des Magen-Darm-Kanals, die
operativ behandelt werden müssen.
Durch die Hemmung der Gefäßneubildung ist die Wundheilung bei Patienten unter
Bevacizumab erschwert. Bei einer geplanten Operation sollte Bevacizumab einige
Zeit vorher abgesetzt und auch erst nach der Wundheilung wieder begonnen
werden.
Eine andere Möglichkeit, die Gefäßneubildung durch Wachstumsfaktoren zu
unterdrücken, ist nicht die Hemmung des Wachstumsfaktors selber, sondern die
Unterdrückung seiner Wirkung an den Rezeptoren auf der Gefäßoberflächenzelle.
Hier wurden mittlerweile Substanzen entwickelt, die zu den modernen sog.
„kleinen Molekülen“ (small molecules) zählen. Sie unterdrücken in der Regel die
Signalgebung, die vom Rezeptor zu den Stoffwechselwegen in der Zelle geht.
Neben der Blockade der Wachstumsfaktoren durch Antikörper und der Hemmung der
Signalwege in der Zelle ist auch eine Blockade der Rezeptoren selbst (z. B.
durch Antikörper) möglich. Für einen anderen Bereich ist dies bereits in der
Medizin möglich. Der Rezeptor für einen Wachstumsfaktor auf Tumorzellen der
weiblichen Brustdrüse wird durch Trastuzemab (Herceptin®) blockiert.
Vor einigen Jahren hat man entdeckt, dass die Substanz Thalidomid
(Contergan®) gegen einige Tumoren wirksam ist, hierzu gehören insbesondere
Non-Hodgkin-Lymphome wie das Plasmozytom. Thalidomid führte in den 60er Jahren
zur Schädigung vieler Kinder im Mutterleib, vermutlich genau durch diesen
Wirkmechanismus, der Hemmung von Gefäßneu-bildungen, so dass sich bei den
Kindern die Arme oder Beine nicht richtig formen konnten.
Bei einigen Patienten stehen uns heute mit den bisher bekannten
Chemotherapien und Antikörpertherapien keine ausreichenden Therapiemöglichkeiten
zur Verfügung. Hier kommt Thalidomid zum Einsatz. Selbstverständlich muss dann
bei Patientinnen sorgfältig darauf geachtet werden, dass keine Schwangerschaft
eintritt. Ob Thalidomid auch bei soliden Tumoren in Geweben wirkt, wird derzeit
erforscht. Es wurden mittlerweile auch dem Thalidomid ähnliche Medikamente
entwickelt, die in Zukunft mehr zum Einsatz kommen werden.
Tumoren geben bestimmte Enzyme in ihre Umgebung ab, sog.
Matrixmetalloproteinasen, die den Tumorzellen das Eindringen in das umgebende
gesunde Gewebe erleichtern und gleichzeitig auch den Gefäßzellen bei der
Aussprossung zu neuen Gefäßen das Eindringen in das Gewebe ermöglichen. In der
Forschung wird deshalb intensiv an Metalloproteinasehemmern (- inhibitoren)
gearbeitet.
Während üblicherweise die Chemotherapie in sog. Zyklen innerhalb weniger Tage
in relativ hoher Dosis gegeben wird, gibt es für einige Medikamente in
Tablettenform auch die Möglichkeit, sie in täglicher niedriger Dosierung
einzusetzen. Diese sogenannte „metronomische“ Therapie führt nicht zum Absterben
der Tumorzellen, trägt aber dazu bei, dass die Gefäßbildung in den Tumoren
unterdrückt wird und stellt somit auch eine antiangiogenetische Therapie dar.
In der Naturheilkunde findet sich eine Reihe von Substanzen, die ebenfalls
zumindest in Labor- und Tierexperimenten antiangiogenetisch wirken. Hierzu
gehören zahlreiche sekundäre Pflanzenstoffe wie Apigenin, Curcumin, Ellagsäure,
Isothiocyanate (z. B. in Kohlgemüsen vorhanden), Resveratrol (im roten Wein
enthalten).
Quercetin ist ein sekundärer Pflanzenstoff, der wirksam gegen Tumorzellen
ist, zum Teil aber auch das Tumorwachstum fördernde Wirkungen gezeigt hat. Aus
Laborexperimenten geht hervor, dass Quercetin zu einem Anstieg des
Gefäßwachstumsfaktors VEGF führt.
In der alternativen Onkologie werden Patienten Präparate aus Haifischknorpel
oder Schlangengift angeboten. Haifischknorpel enthält Metalloproteinasehemmer.
Bisher gelang es jedoch nicht, in Studien an Patienten eine Wirksamkeit von
Haifischknorpelextrakt gegen Tumoren zu belegen.
Schlangengifte enthalten Antagonisten der körpereigenen Integrine. Dies sind
Moleküle, die ebenfalls für die Gefäßbildung wichtig sind. Schlangengifte
stellen grundsätzlich hoch giftige Substanzen dar. Momentan bemühen sich
Forscher, aus den natürlichen Toxinen Substanzen zu entwickeln, die wir gezielt
gegen Tumoren einsetzen können. Eine erste in Studien eingesetzte Substanz ist
Cilengitid.
Schlangengift- oder Haifischknorpelpräparate sind nicht als empfehlenswert
einzustufen, sie ersetzen keine onkologische Therapie. Bei wirksamen Dosierungen
muss mit (erheblichen) Nebenwirkungen gerechnet werden.
Stand 26.08.08