Dr. med. Jutta Hübner, Chefärztin Onkologie
Bei Patientinnen mit einem hormonrezeptorpositiven Brustkrebs wird heute
meistens eine sog. antihormonelle Therapie durchgeführt.
Da Tumorzellen der Brust sich aus im Prinzip ganz normalen Brustzellen bilden
und Brustzellen auf ihrer Oberfläche Hormonrezeptoren tragen, ist es nicht
verwunderlich, dass auch Tumorzellen diese Hormonrezeptoren auf ihrer Oberfläche
tragen können. Ob im einzelnen Fall ein sog. rezeptorpositiver Tumor vorliegt,
kann in der feingeweblichen Untersuchung genau bestimmt werden. Hieraus ergeben
sich wesentliche Empfehlungen für die Therapie.
Grundsätzlich kann man sagen, dass Tumoren, die rezeptorpositiv sind,
insgesamt ein günstigeres Wachstumsverhalten haben, also „gutartiger“ sind als
hormonrezeptornegative Tumoren.
Allgemein gilt, dass rezeptorpositive Zellen, egal ob gesunde oder bösartige,
durch die Einflüsse von Hormonen zum Wachstum angeregt werden können. Im Falle
einer Tumorerkrankung ist dies eine Entwicklung, der man durch die
antihormonelle Therapie entgegentreten will.
Bei der Frau erfolgt die Hormonbildung hauptsächlich in den Eierstöcken, nach
den Wechseljahren auch in anderen Geweben, allerdings in niedrigerer
Konzentration. Östrogen entsteht dabei aus Vorstufen, wobei in einem Schritt das
Enzym Aromatase eine wichtige Rolle spielt.
Liegt ein rezeptorpositiver Brustkrebs vor, so wird heute einer Patientin
eine antihormonelle Therapie angeboten. Hierbei stehen verschiedene
Möglichkeiten zur Verfügung:
1. LHRH-Analoga sind künstlich hergestellte Moleküle, die den
Steuerungshormonen der Hirnanhangsdrüse für die Eierstöcke ähnlich sind. Werden
diese in hohen Konzentrationen als Depot unter die Haut gespitzt (z. B.
Zoladex®), so empfangen die Eierstöcke ständig ein hohes Stimulationssignal, was
dazu führt, dass in einem Gegenregulationsmechanismus die Hormonproduktion
eingestellt wird. Es kommt im gesamten Körper zu einem Mangel an Östrogen.
Hiermit wird bösartigen hormonrezeptorpositiven Tumorzellen der Wachstumsreiz
entzogen.
2. Die Neuentwicklung der sog. „Aromatasehemmer“ beruht auf dem einfachen
Prinzip, dass für die Umwandlung zum aktiven Östrogen verantwortliche Aromatase
durch diese Medikamente gehemmt werden kann. Hierdurch kommt es zu einem
weitgehenden Fehlen des aktiven Östrogens im gesamten Körper.
3. Ein drittes Therapieprinzip besteht darin, dass die Andockstelle der
Hormone durch ein Medikament blockiert wird, sodass die Hormone keine
wachstumsfördernde Wirkung mehr ausüben können. Dieses Medikament heißt
Tamoxifen.
Neu entwickelt ist eine Substanz, die ebenfalls zu den Antiöstrogenen gehört,
jedoch zu einem Abbau des Östrogenrezeptors führt (Fulvestrant, mit Handelsname
Faslodex®).
Eine antihormonelle Behandlung wird wie oben dargelegt allen Patienten mit
einem rezeptorpositiven Krebs und einem nicht völlig auszuschließenden Risiko
eines Rückfalls empfohlen. Die Therapie kann allgemein als sehr effektiv
angesehen werden. Sie ist auch einsetzbar, wenn die Erkrankung wieder
aufgetreten oder fortgeschritten ist.
Bei dieser sog. adjuvanten Therapie, d. h. nach erfolgreicher Operation und
ggf. Chemo- oder Strahlentherapie einer neu entdeckten Brustkrebserkrankung,
wird eine antihormonelle Therapie heute meist für 5 Jahre empfohlen. Bei einer
Frau vor den Wechseljahren wird zusätzlich ein LHRH-Analogon für 2 Jahre
empfohlen. Bei der Auswahl der Medikamente muss die Tumorsituation (Rezeptoren
auf der Zelloberfläche) und die Situation der Patientin beachtet werden.
Allgemein gilt, dass die Aromatasehemmer etwas wirksamer sind als Tamoxifen,
allerdings erhöhen sie das Risiko für Osteoporose. Tamoxifen wiederum erhöht das
Risiko für eine Krebsentwicklung in der Gebärmutter, die aber bei regelmäßiger
Ultra-
schallkontrolle frühzeitig erkannt und behandelt werden kann.
Tamoxifen ist nicht geeignet bei erhöhtem Thromboserisiko.
Bei fortgeschrittenen Tumoren können in der Abfolge antihormonelle
Medikamente nacheinander eingesetzt werden. Wächst der Tumor nach einer
Rückbildung oder einem Stillstand wieder, so kann ein anderes Mittel erneut zum
Erfolg führen.
Die adjuvante antihormonelle Therapie wird von den Patientinnen
unterschiedlich vertragen. Grundsätzlich besteht häufig eine eher gute
Verträglichkeit. Bedingt durch den Wirkmechanismus der Substanzen kommt es nicht
nur an den Tumorzellen, sondern auch an anderen Organen zu einem Hormonentzug
mit Symptomen wie sie auch bei Wechseljahren auftreten. Im Vordergrund stehen
Hitzewallungen und Schweißausbrüche, aber auch leichte Gewichtszunahmen,
Stimmungsschwankungen und die Entwicklung einer Osteoporose.
Einige Frauen berichten auch über uncharakteristische Muskel- und
Gelenkbeschwerden, die von leichten morgendlichen Beschwerden bis hin zu
ausgeprägten Schmerzen über den ganzen Tag bei kleinsten Bewegungen gehen
können.
Spezifische Nebenwirkungen einiger Medikamente bestehen darin, dass z. B.
Tamoxifen zu einer Verdickung der Gebärmutterschleimhaut und sich dann langsam
entwickelnden Tumorerkrankung der Gebärmutter führen kann. Weitere spezifische
Nebenwirkungen sind Veränderungen im Augenbereich und Thrombosen. Aus letzterem
Grunde sollten Patientinnen mit einer Thrombose in der Vorgeschichte kein
Tamoxifen erhalten. Die anderen beiden speziellen Veränderungen können durch
regelmäßige Untersuchungen beim Augenarzt bzw. Gynäkologen rechtzeitig erkannt
werden und eine Gefährdung der Patientin durch Umsetzen der Medikation
verhindert werden.
Die allgemeinen oben genannten Nebenwirkungen können in unterschiedlicher
Weise mehr oder weniger gut behandelt werden.
Es gibt Untersuchungen, die zeigen, dass die uncharakteristischen Muskel- und
Gelenkbeschwerden durch leichtes Bewegungstraining und Tai Chi deutlich
gebessert werden können. Eine weitere Möglichkeit besteht darin, das pflanzliche
Rheumamittel Phytodolor® einzusetzen. Einige Patientinnen erleben auch durch den
Einsatz eines Teufelskrallenpräparates eine Linderung.
In ausgeprägten Fällen kann kurzzeitig auch ein schulmedizinisches
Rheumamittel eingesetzt werden, in der Regel eignen sich diese Medikamente
jedoch nicht zur langfristigen Anwendung.
Eine Theorie besagt, dass diese Beschwerden auf einer beginnenden Osteoporose
beruhen und dass deshalb ein Therapieversuch mit einem sog. Bisphosphonate zur
Stabilisierung der Knochen sinnvoll sein kann. Leider sind die Bisphosphonate
für diesen Therapieversuch für Versicherte der gesetzlichen Krankenversicherung
noch nicht zugelassen.
Da sich durch die antihormonelle Therapie eine Osteoporose entwickeln kann,
ist aus medizinischer Sicht die regelmäßige Überprüfung der Knochendichte mit
einer sog. Knochendichtemessung anzuraten. Diese Leistung wird jedoch derzeit
(Stand Dezember 2006) von den gesetzlichen Krankenkassen nicht übernommen.
Allgemein kann zum Schutz vor Osteoporose ein moderates Bewegungstraining mit
Belastung der Knochen wie z. B. Walking, Tai Chi und eine gesunde Ernährung mit
ausreichender Zufuhr von Eiweißen und Kalzium empfohlen werden. Zumindest in den
dunkleren Monaten ist außerdem darüber nachzudenken, ob Vitamin D in der aktiven
Form (Vitamin D3) eingenommen werden sollte.
Stimmungsschwankungen und depressive Verstimmungen, die im Zusammenhang mit
einer antihormonellen Therapie auftreten, können sowohl durch die Therapie als
auch durch die Erkrankungssituation erklärlich sein. Neben einer guten
psychoonkologischen Begleitung kann in ausgewählten Fällen der Einsatz eines
Johanniskrautpräparates oder in ausgeprägten Fällen auch der gezielte Einsatz
von Antidepressiva erforderlich werden.
Für die meisten Patientinnen steht die Problematik der Hitzewallungen im
Vordergrund. Hier bietet die Naturheilkunde mit Traubensilberkerze und
Salbeiextrakt zwei Mittel, die seit vielen Jahren eingesetzt werden. Auch wenn
ihre Wirkung in Studien umstritten ist, so liegen doch gute Hinweise vor, dass
jedes dieser Mittel und die Kombinationen wirksam sind. Aus diesem Grund sollte
im Einzelfall ein Einsatz erfolgen und die Wirkung überprüft werden.
Salbeiextrakt wirkt direkt auf die Schweißzellen und hat deshalb keinen
Zusammenhang mit dem Östrogenrezeptor. Für Traubensilberkerze (Cimicifuga) wird
vielfach diskutiert, dass es sich um ein Phytoöstrogen handelt. Aktuelle
Untersuchungen deuten jedoch eher darauf hin, dass andere Mechanismen zur
Beeinflussung der Temperaturregulation führen. In diesen Fällen ist ein
Traubensilberkerzenpräparat als ungefährlich anzusehen.
Dagegen sollten andere Empfehlungen für Phytoöstrogene wie z. B. Rotklee oder
Sojaextrakt kritisch bewertet werden, da die Phytoöstrogene als schwache
Östrogene unter einer antihormonellen Therapie durchaus eine Stimulation auch
der Tumorzellen auslösen können.
Ist die naturheilkundliche Behandlung der Hitzewallungen nicht ausreichend
und der Druck auf die Patientin durch die Symptome sehr groß, so gibt es im
Bereich der Schulmedizin zwei Ansätze. Es handelt sich um die auch gegen
Nervenschädigungen bewährte Substanz Gabapentin und es werden gezielt bestimmte
Psychopharmaka in niedriger Dosierung eingesetzt. Hierbei sollte auf jeden Fall
Rücksprache mit einem Experten genommen werden, da einige Psychopharmaka die
Wirksamkeit der antihormonellen Therapie oder einer eventuell erforderlichen
Chemotherapie abschwächen können.
Die Therapiedauer der antihormonellen Therapie beträgt 5 Jahre. Hierbei wurde
früher über 5 Jahre konstant Tamoxifen gegeben, ggf. unterstützt durch 2 Jahre
Zoladex. Modernere Studien haben gezeigt, dass die sog. Aromataseinhibitoren dem
Tamoxifen etwas überlegen sind. Deshalb wird für Patientinnen mit höheren
Risikofaktoren oder bestimmten Konstellationen der Hormonrezeptoren häufig die
alleinige über 5-10 Jahre anhaltende Einnahme eines Aromatasehemmers empfohlen.
Zu den Aromatasehemmern zählen heute die drei Substanzen Anastrozol
(Arimidex®), Letrozol (Femara®) und Exemestan (Aromasin®). Zwischen diesen
Medikamenten bestehen Unterschiede, wobei die aktuelle Forschung sich noch mit
der genauen Herausarbeitung der jeweiligen Vor- und Nachteile beschäftigt.
Sollten unter einer Aromatasehemmer-Therapie starke Nebenwirkungen auftreten, so
kann bei einigen Patienten durch Wechsel des Medikamentes auf ein anderes
Präparat eine Besserung erreicht werden.
Da Tamoxifen vor allen Dingen den entscheidenden Vorteil der Stabilisierung
des Knochens (im Gegensatz zur Osteoporoseausbildung durch Aromatasehemmer)
bietet, ist dies ein Argument für Tamoxifen als Bestandteil der Therapie bei
Frauen mit einer Osteoporosegefährdung. Hierzu zählen Frauen, in deren
Familienvorgeschichte Osteoporose vorkommt, die selber schon in der
Knochendichtemessung niedrige Werte haben und sehr schlanke, aber eher
unsportliche Frauen.
Möchte man sowohl die Vorteile des Tamoxifens als auch der Aromatasehemmer
einsetzen, so ist es möglich, die Therapie zunächst mit Tamoxifen zu beginnen
und dann im zweiten oder dritten Jahr für den Rest der Therapiezeit auf einen
Aromatasehemmer zu wechseln (sog. Switch).
Stand 26.08.08