Habichtswald-Klinik Kassel
Dr. med. Jutta Hübner, Chefärztin Onkologie
Viele Patienten klagen nach einer Chemotherapie über Störungen des
Gedächtnisses oder der Konzentration, der unmittelbare Zusammenhang mit der
Chemotherapie ist ihnen jedoch nicht bekannt, sodass unnötig Sorgen und Ängste
entstehen. Bei den Aufklärungsgesprächen über eine Chemotherapie wird diese
Nebenwirkung, da sie wenig erfassbar ist, oft nicht genannt. In der deutschen
Sprache gibt es noch keinen Begriff hierfür, in den USA setzt sich seit dem
vergangenen Jahr der Begriff Chemo-Brain durch.
Die genauen Zusammenhänge, wie die Einschränkungen entstehen, sind noch nicht
bekannt. Wir wissen auch nicht, ob bestimmte Chemotherapiemittel häufiger zu
dieser Störung führen als andere, ob es sich um eine von der Konzentration oder
Art der Medikamentengabe abhängige Nebenwirkung handelt.
Zwei weitere Therapieformen bei Krebserkrankungen können ebenfalls die
Leistungsfähigkeit des Gehirns beeinträchtigen. Hierzu gehören die Bestrahlung
des Gehirns und die Immuntherapie mit Zytokinen wie Interferon und Interleukin.
Die von den Patienten wahrgenommenen Veränderungen sind vielfältig und
unterschiedlich ausgeprägt, nicht jeder Patient, der eine Chemotherapie erhält,
entwickelt überhaupt Störungen.
Symptome sind: Wortfindungsstörungen, Gedächtnisstörungen,
Konzentrationsstörungen, Schwierigkeiten, sich in neuen Situationen
zurechtzufinden, länger dauernde Aufgaben durchzuführen, mehrere Aufgaben
gleichzeitig zu erledigen (Multitasking), aber auch eine allgemeine
Verlangsamung bei der Erledigung von Aufgaben. Durch subtile neuropsychologische
Tests lassen sich diese Veränderungen objektivieren. Diese werden jedoch in der
Praxis, da sie aufwendig sind, nur selten durchgeführt.
Chemo-Brain findet sich bei besonders vielen Patienten, die auch über
Symptome im Rahmen des Fatigue-Syndroms klagen.
Hierbei handelt es sich um eine allgemeine körperliche Erschöpfung, die auch
zur Schwierigkeit bei der Erledigung von geistigen Aufgaben führen kann.
Klar erkennbare Faktoren, die zu kognitiven Störungen führen können und im
Rahmen von Krebstherapien auftreten, sind Blutarmut (Anämie), Begleitmedikation
wie z. B. Schmerzmittel und Antidepressiva, Mittel gegen Übelkeit. Auch
hormonelle Veränderungen, wie sie im Rahmen einer Chemotherapie oder bei der bei
einigen Krebserkrankungen notwendigen antihormonellen Therapie auftreten,
können, zumindestens vorübergehend, die geistigen Fähigkeiten einschränken.
Eine vorbestehende (eventuell auch latente) Depression kann ebenso wie eine
durch die Erkrankung ausgelöste depressive Belastungsreaktion zu einer
Herabsetzung der Merkfähigkeit oder Konzentrationsfähigkeit führen.
Therapiemöglichkeiten
Zunächst ist es wichtig, die aufgezählten im Rahmen einer Krebserkrankung und
Therapie auftretenden Folgen gezielt zu behandeln, wenn dies möglich ist.
Leider ist eine gezielte Therapie des Chemo-Brain derzeit nicht möglich.
Im Vordergrund stehen von den Patienten oft selbst entdeckte
Verhaltensänderungen wie z. B. das Anfertigen von Notizen (Einkaufszettel), die
Festigung einer Tagesroutine mit klaren Abläufen, die Vermeidung von Stress,
häufigeres Ausruhen, ausreichender Nachtschlaf, ggf. auch Mittagsschlaf.
Für viele Patienten ist es bereits entlastend, über die Symptome sprechen zu
können und sie nicht vor Familien und Bekannten oder am Arbeitsplatz verstecken
zu müssen.
Therapie der kognitiven Funktionsstörungen
Forschungsarbeiten zeigen, dass möglicherweise ein Zusammenhang mit einer
Anämie, also Blutarmut, besteht, und dass die Gabe des die rote Blutbildung
fördernden Wachstumsfaktors Erythropoeitin günstig wirken könnte. Hierzu kommen
Hinweise, dass die Hirnzellen (Nervenzellen und die sog. Astrozyten, also
zwischen den Nervenzellen liegende Funktionszellen) selber diesen
Wachstumsfaktor bilden, der möglicherweise auch eine die Nervenzellen schützende
Funktion hat. Da Erythropoeitin zu den wenigen Stoffen gehört, die die
Blut-Hirn-Schranke passieren können, kann mit einer medikamentösen Zugabe sowohl
über eine Anhebung des Hämoglobinwertes, also des roten Blutfarbstoffes, als
auch möglicherweise über eine Schutzfaktorwirkung die Entstehung von kognitiven
Funktionsstörungen vermindert oder sogar verhindert werden.
Auch eine regelmäßige körperliche Betätigung mit leichtem Ausdauertraining,
auch wenn sie während einer Chemotherapie nur in geringem Umfang und mit
niedrigem Anstrengungsgrad möglich ist, kann schützend wirken.
Therapie in der Abteilung Onkologie der Habichtswald-Klinik, Kassel
Bei der Betreuung von Patienten mit kognitiven Störungen nach der
Chemotherapie ist uns vor allen Dingen die Aufklärung über die Zusammenhänge und
damit die Entängstigung der Patienten wichtig. In einem weiteren Schritt kann
gemeinsam überlegt werden, welche Hilfen in der Gestaltung des Alltags möglich
sind. Einen Schwerpunkt nimmt die Beratung im Hinblick auf die berufliche
Situation ein, da viele unserer Patienten in anspruchsvollen beruflichen
Positionen sind, bei denen die volle Leistungsfähigkeit verlangt wird.
Mit den Untersuchungen bei Aufnahmen wird nach Ursachen für eine
Einschränkung der geistigen Fähigkeiten gesucht. Hormonveränderungen können
gezielt behandelt werden. Eine Anämie wird mit Wachstumsfaktoren und ggf. einer
Bluttransfusion ausgeglichen.
Auch der rechtszeitige Beginn eines körperlichen Trainingsprogramms mit
Krankengymnastik und Sporttherapie fördert die Blutbildung und die Durchblutung
der Organe.
Im Rahmen der Ergotherapie stehen gezielte Übungen zur Förderung der
Gedächtnis- und Konzentrationsleistung zur Verfügung, die dem Patienten
Anregungen geben sollen, auch in freien Zeiten und weiter zu Hause zu
trainieren.
Nicht zuletzt muss die bestehende Medikation, nicht nur die speziell auf die
Krebserkrankung zielende Medikation, überprüft und ggf. angepasst werden.
In der klassischen Pflanzenheilkunde wird Ginkgo bei Störungen von
Gedächtnis- und Konzentration eingesetzt. Ob es auch bei Chemo-Brain hilft,
wurde noch nicht untersucht. Wir haben dieses pflanzliche Medikament bei einigen
Patienten erfolgreich eingesetzt.
In Zusammenarbeit mit den Kollegen der Abteilung Psychosomatik werden
Patienten mit schwereren depressiven Störungen gezielt betreut.
Die Therapie des Chemo-Brains ist keine auf die 3-4 Wochen einer
Rehabilitation begrenzte Therapie, hier können aber zahlreiche Anregungen
gegeben werden, die von unseren Patienten gezielt zu Hause weiterverfolgt
werden.
Patienten, die die Chemotherapie in unserer Abteilung durchführen, haben von
Anfang an die Möglichkeit an allen genannten Therapien teilzunehmen. Auch eine
gezielte psychoonkologische Begleitung, die hilft Strategien für zu Hause zu
entwickeln, ist ein wichtiges Angebot.
Stand 26.08.08