Jutta Hübner, Chefärztin der Abteilung Onkologie der
Habichtswald-Klinik Kassel, Wigandstr. 1, 34131 Kassel
Ein Wunsch aller Patienten und Behandler ist, dass wir eine Chemotherapie
nicht nur auf die individuelle Krankheits- und Lebenssituation des Patienten,
sondern möglichst auch passgenau auf den jeweils vorliegenden Tumor ausrichten.
Die derzeit benutzten Chemotherapien beruhen auf der Entwicklung in
klinischen Studien, bei denen für bestimmte Tumorerkrankungen zunächst einzelne
Medikamente bezüglich ihrer Wirksamkeit getestet werden, dann
Kombinationen zum Einsatz kommen und im letzten Schritt verschiedene Kombination
gegeneinander geprüft werden, um die bestmögliche herauszufinden. Hieraus hat
sich eine ganze Reihe von sogenannten „Protokollen“ entwickelt, die jeweils
genaue Beschreibungen der eingesetzten Medikamente und ihrer Dosierungen
beinhalten.
Leider kommt es jedoch nicht bei allen Patienten zu einem guten Ansprechen
des Tumors. In einigen Fällen kann durch einen Wechsel der eingesetzten
Medikamente ein Erfolg erzielt werden.
Dies zeigt, dass es Unterschiede bei der Empfindlichkeit bei den Tumoren
gibt, auch wenn es sich um die gleiche Tumorart handelt. Aus diesem Grund wird
derzeit intensiv geforscht, mit welcher Methode genauere Voraussagen möglich
sind, welche Therapie beim einzelnen Patienten ansprechen wird. Ein Ansatz
hierzu sind sogenannte Chemosensitivitätstests, bei denen Tumorzellen im
Reagenzglas verschiedenen Chemotherapiemitteln ausgesetzt werden und dann mit
unterschiedlichen biochemischen Methoden überprüft wird, ob die Tumorzelle an
ihrem Wachstum gehindert oder zum Absterben gebracht wird. Umgekehrt kann aber
auch überprüft werden, welche Zellen weiterwachsen, also offensichtlich im
Reagenzglas gegen bestimmte Chemotherapiemittel resistent sind.
Beispiele sind der sogenannte ATP-Test, bei dem das Überleben der Tumorzellen
durch den Nachweis des für den Energiestoffwechsel der Zelle wichtigen ATP´s
erfolgt und der EDR-Test, bei dem gezeigt wird, bei welchen Chemotherapiemitteln
die Zellen sich trotz des Medikamentes weiter teilen können.
In einigen Studien werden hohe Ansprechraten bei einer Therapie nach der
Chemosensitivitätsuntersuchung berichtet, niedrige bei nach Standard behandelten
Patienten. Leider ist bei den meisten dieser Studien kein wissenschaftlich
korrekter Ansatz erfolgt. Dies bedeutet, dass z. T. Patienten mit negativen
Chemosensitivitätsuntersuchungen in die Kontrollgruppe mit Standardtherapie
eingeteilt wurden. Das schlechtere Abschneiden dieser Gruppe könnte auch daran
liegen, dass hier grundsätzlich resistentere und damit schwerer zu behandelnde
Tumoren vorliegen, was das negative Ergebnis erklärt.
Eine neue Untersuchung, bei der Patienten entweder nach Standardempfehlung
oder nach Testergebnis untersucht wurden, hat keinen Vorteil für den Test
gezeigt. Ein für die Patienten wichtiger Vorteil, nämlich längeres Überleben mit
einer Therapie nach Chemosensitivitätstests konnte bisher nicht belegt werden.
Mögliche Erklärungen für diese Ergebnisse sind, dass sich Tumorzellen im
Reagenzglas anders verhalten, als im lebenden Organismus. Hier ist z. B. die
Verstoffwechselung des Chemotherapie-medikamentes und das Wechselspiel zwischen
Tumor und Umgebung z. B. für die Ernährung der Tumorzellen wichtig. Hierdurch
ergeben sich andere Verhältnisse als im Reagenzglas.
Außerdem wissen wir, dass sich bei fortgeschrittenen Tumorerkrankungen die
Eigenschaften von Tumorzellen in verschiedenen Metastasen durchaus unterscheiden
können. Aus diesem Grund sind die Testergebnisse, die aus den Tumorzellen des
Primärtumors oder einer einzelnen Metastase gewonnen werden, nicht unbedingt
repräsentativ für alle vorhandenen Tumorzellen
Was bedeutet dies derzeit für Patienten?
Obwohl die Idee der Chemosensitivitätstestung oder Resistenztestung einen
faszinierenden Gedanken darstellt, sollten Therapieentscheidungen derzeit nicht
auf für hohe Kosten angebotene kommerzielle Tests aufbauen. Insbesondere ist
davor zu warnen, wenn nach dem Testergebnis ein Medikament empfohlen wird, das
typischerweise bei der vorliegenden Erkrankung nicht angewendet wird.
Chemosensitivitätstests sind eine große Hoffnung für die zukünftige
Behandlung unserer Tumorpatienten und sie sollten momentan nur in Studien
eingesetzt werden.
Stand 26.08.08