Habichtswald-Klinik Kassel
Dr. med. Jutta Hübner, Chefärztin Onkologie
Interferone gehören zu den sog. Zytokinen, dies sind Botenstoffe
im Entzündungsstoffwechsel. Zytokine werden hauptsächlich von den Immunzellen
des Blutes gebildet. Es sind hoch wirksame Substanzen, die bereits in geringsten
Konzentrationen wirken. Wir unterscheiden Interferon-alpha, -beta und -gamma.
Interferon-alpha wird in den Blutlymphozyten gebildet. Interferon-alpha wird
bei der Therapie verschiedener Krebserkrankungen eingesetzt. Hierzu gehören die
Haarzellleukämie, das multiple Myelom (Plasmozytom), das kutane T-Zelllymphom,
die chronische myeloische Leukämie, follikuläre Lymphome, Karzinoide,
Karposi-Sarkome, Nierenzellkarzinome und maligne Melanome (schwarzer Hautkrebs).
Bei einigen dieser Erkrankungen liegen mittlerweile neu entwickelte, z. T.
wesentlich wirksamere Medikamente vor, sodass Interferon nicht mehr so häufig
zum Einsatz kommt wie noch vor wenigen Jahren.
Eine Therapie mit Interferon-alpha sollte nur unter enger Kontrolle durch
einen hiermit erfahrenen Arzt erfolgen.
Unter Interferon kann es zu verschiedenen Nebenwirkungen kommen. Relativ
häufig sind grippeartige Symptome mit Schwäche, leichtem Temperaturanstieg,
Muskel- und Gliederschmerzen. Die Ausprägung der Nebenwirkungen ist von Patient
zu Patient sehr unterschiedlich.
Nebenwirkungen und ihre Therapie
1. Grippeähnliche Symptome
Bei den meisten Patienten nehmen die grippeähnlichen Symptome innerhalb von
1-2 Wochen ab. Bei niedriger Dosis (z. B. 3 x wöchentlich 2-3 Mio. Einheiten)
sind sie langfristig nur bei weniger als 10 % der Patienten vorhanden. Wir
empfehlen den Patienten, Interferon abends vor dem Schlafengehen zu spritzen und
evtl. bei Beschwerden das Grippemittel Paracetamol einzunehmen.
2. Nebenwirkungen im Magen-Darm-Bereich
Zu den Nebenwirkungen gehören Appetitlosigkeit, Übelkeit, Erbrechen,
Durchfälle, Oberbauchbeschwerden. Übelkeit kann mit Metoclopramid behandelt
werden, bei Verdauungsstörungen kann ein pflanzliches Mischpräparat zur
Verdauungsförderung wie z. B. Iberogast® eingesetzt werden. Bei Magenbeschwerden
sollte eine Magenspiegelung durchgeführt werden und ggf. ein Mittel zur
Säurehemmung eingenommen werden.
Bei allgemeinen Bauchbeschwerden hat sich auch das Trinken von Ingwerwasser
bewährt.
Bei Durchfällen kann ein Versuch mit geriebenem Apfel oder Heilerde
unternommen werden. In ausgeprägteren Fällen ist das Medikament Loperamid
hilfreich.
Bei einigen Patienten kommt es zu einem Anstieg der Leberwerte. Dann muss mit
dem Arzt abgesprochen werden, ob eine Therapieunterbrechung erforderlich
ist.
3. Nebenwirkungen an der Haut
An der Haut kann es zu Juckreiz, trockener Haut und Schleimhaut, zu lokalen
Nebenwirkungen an der Injektionsstelle mit Rötung und Verhärtung kommen. Einige
Patienten klagen über vermehrten Haarausfall.
Trockene Haut wird mit rückfettenden Salben behandelt. Bei trockenen
Schleimhäuten empfiehlt sich für den Mund der Einsatz von künstlichem Speichel,
für die Augen entsprechende Augentropfen und für die Scheide Vitamin-E-Öl oder
in Ausnahmefällen eine östrogenhaltige Salbe.
Der Juckreiz der Haut wird zunächst auch mit rückfettenden Salben, ggf. aber
auch mit speziellen Hautmitteln wie Unguentum emulsificans aquosum, Polidocanol
Gel oder Salbe behandelt. Kurzfristig können auch cortisonhaltige Salben
eingesetzt werden.
4. Stoffwechselveränderungen
Die Interferontherapie kann zu einer Veränderung des
Schilddrüsenstoffwechsels führen. Deshalb sind regelmäßige Kontrollen der
Schilddrüsenwerte während einer Interferontherapie erforderlich. Gegebenenfalls
ist eine entsprechende Therapie mit Medikamenten notwendig.
Unter Interferontherapie kann es zu einem Anstieg der Triglyceridwerte
kommen. Bei Diabetikern können sich Veränderungen in der Stoffwechseleinstellung
ergeben. Auch hier muss die Therapie mit dem Arzt besprochen werden.
5. Psychische Veränderungen
Einige Patienten klagen über zunehmende Müdigkeit, Stimmungsschwankungen bis
hin zu einer Depression oder auch Gedächtnis- und Konzentrationsstörungen.
Auch Schlafstörungen werden angegeben.
Bei leichten bis mittelschweren depressiven Verstimmungen ist ein
Johanniskrautpräparat hilfreich (Johanniskraut hat zahlreiche Wechselwirkungen
mit anderen Medikamenten, seine Einnahme sollte immer mit dem Arzt abgestimmt
werden). Gegebenenfalls ist der Einsatz von Psychopharmaka sinnvoll.
Bei leichten Schlafstörungen empfiehlt sich zunächst der Versuch mit einem
ausreichend hoch dosierten Baldrianpräparat, auch Lavendelfußbäder abends oder
heiße Milch mit Honig sind bewährte Hausmittel. Die regelmäßige Einnahme von
stärkeren Schlafmitteln sollte vermieden werden. Weniger Abhängigkeit entsteht
möglicherweise bei den Substanzen Zolpidem und Zopiclon.
6. Weitere Nebenwirkungen
Bei einem Anstieg der Nierenwerte ist unbedingt die Rücksprache und Abklärung
mit dem Arzt erforderlich.
Einige Patienten klagen über niedrigen Blutdruck, sehr selten sind Angina
pectoris-Anfälle und Herzrhythmusstörungen. Auch hier erfolgt die Therapie in
enger Absprache mit dem behandelnden Arzt.
Gleiches gilt für die ebenfalls sehr seltenen Nebenwirkungen an der Lunge,
die sich oft durch Husten zu erkennen geben. Sie machen in der Regel einen
Abbruch der Interferon-Therapie erforderlich.
Zur Überwachung während einer Interferontherapie gehört die regelmäßige
Kontrolle des Blutbildes. Bei einem stärkeren Abfall der weißen und roten
Blutkörperchen oder der Blutplättchen muss überlegt werden, ob die
Interferondosis verändert wird.
Bei Kontrollen durch den Augenarzt werden relativ häufig Veränderungen im
Augenhintergrund gesehen, meistens sind sie gering ausgeprägt. Wenn es zu einer
Veränderung der Sehfähigkeit kommt, kann es erforderlich werden, die
Interferontherapie abzusetzen.
7. Durchführung der Therapie
Interferon liegt in verschiedenen Zubereitungen vor. Es muss gespritzt werden
und wird meist als sog. subkutane Injektion ähnlich z. B. der Insulinspritze bei
Diabetikern oder Thrombosespritzen gegeben. Die meisten Patienten lernen es,
sich die Spritzen selbst zu geben. Interferon wird meistens 2 oder 3 x
wöchentlich gespritzt. Wir unterscheiden bei den Dosierungen eine niedrige bis
mittlere Dosierung (bis zu 3 x 3-5 Mio. Einheiten wöchentlich) von einer
hochdosierten Form.
Die niedrig bis mittel dosierte Form ist für viele Patienten eine gut
verträgliche Therapieform trotz der oben dargestellten möglichen
Nebenwirkungen.
Eine neuere Form des Interferons stellt das sog. pegylierte Interferon dar.
Hierbei handelt es sich um eine besonders chemisch gebundene Form, die zu einer
verzögerten Freisetzung führt. Dies bedeutet, dass seltener gespritzt werden
muss und gleichzeitig die Verträglichkeit in vielen Fällen besser ist.
Stand 22.06.07